Call for Papers: AStA-Zeitung 4/2026 »Nähe«
Nie war es so einfach, mit Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt zu treten. Innerhalb von Sekunden verschicken wir Nachrichten, verfolgen Kriege per Livestream oder sehen zu, wie auf der anderen Seite der Erde eine Demonstration beginnt. Gleichzeitig verhärten sich politische Lager, Einsamkeit wird zu einem Massenphänomen und selbst dort, wo wir Tür an Tür leben, begegnen wir einander häufig mit Gleichgültigkeit. Was also bedeutet Nähe heute überhaupt?
Wir können uns einer Freund*in verbunden fühlen, obwohl uns Hunderte Kilometer trennen. Gemeinsame Erfahrungen, Vertrauen oder ein geteiltes Verständnis der Welt können mehr Nähe schaffen als das tägliche Zusammenleben. Umgekehrt können Menschen, mit denen wir wohnen, arbeiten oder studieren, uns fremd werden. Genauso kann eine Liebesbeziehung Nähe, Vertrauen und Zuneigung bedeuten. Zugleich macht sie verletzlich. Wer einem Menschen nahekommt, setzt sich der Möglichkeit von Enttäuschung, Zurückweisung oder Verlust aus. Zwischen dem Wunsch nach Verbundenheit und dem Bedürfnis nach Distanz müssen Beziehungen immer wieder neu ausgehandelt werden. Wie verändern Dating-Apps, soziale Medien oder gesellschaftliche Vorstellungen von Liebe und Partner*innenschaft unsere Formen der Intimität? Welche Rolle spielen Einsamkeit, Fürsorge oder Begehren für das, was wir als Nähe erfahren? Und wie lassen sich Liebe und Intimität unter den Bedingungen bürgerlicher Kälte leben?
Räumlich liegen Frankfurt, Offenbach und Rüsselsheim nur wenige Kilometer auseinander. Doch während Offenbach in den vergangenen Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt und für viele Frankfurter*innen zum Ausweichort angesichts explodierender Mieten geworden ist, prägt in Rüsselsheim die Krise der Automobilindustrie und hat mit Wegzug zu kämpfen. Bereits wenige Meter können soziale Welten voneinander trennen. Besonders deutlich wird dies in Frankfurt beim Überqueren der Mainzer Landstraße – zwischen Westend und Bahnhofsviertel. Auf der einen Seite Gründerzeitvillen, Vermögen und abgesicherte Lebensverhältnisse, auf der anderen Partyszene, offene Drogenszene und vielfältige Gewaltverhältnisse. Oft liegen Reichtum und Armut nah beieinander. Räumliche Nähe muss keine Ähnlichkeit oder Gleichheit bedeuten, trotzdem können diese nahe Verschiedenheit zusammenhängen. »Wär’ ich nicht arm, wärst du nicht reich.«, heißt es in Bertolt Brechts »Lob des Lernens«.
Nähe ist auch eine politische Frage. Wer gilt als »einer von uns«? Wer sind unsere Kompliz*innen, Genoss*innen oder politische Gegner*innen? Mit wem sind wir solidarisch? Auf wen ist Verlass? Warum berühren uns manche Katastrophen unmittelbar, während andere kaum Beachtung finden? Welche Rolle spielen Medien, Nationalstaaten oder ökonomische Verhältnisse dabei, Nähe und Distanz herzustellen?
Nähe kann ein soziales, räumliches oder zeitliches Verhältnis zu uns selbst, zu anderen Menschen oder zu Orten beschreiben. Sie kann sich in geographischer Entfernung ausdrücken oder in einem Gefühl der Verbundenheit, das jede Distanz überwindet. Nähe entsteht nicht einfach, sie muss hergestellt werden – durch gemeinsame Erfahrungen, Sprache, Erinnerungen, Fürsorge oder politische Kämpfe. Zugleich ist sie ungleich verteilt: Wer kann sich Wohnraum in der Nähe des Studien- oder Arbeitsorts leisten? Wer wird an den Rand der Städte gedrängt? Wer darf Grenzen überwinden und wer wird auf Distanz gehalten? Welche Nähe suchen wir – und welcher versuchen wir zu entkommen?
Für die Herbstausgabe der AStA-Zeitung suchen wir Beiträge, die sich mit dem Thema »Nähe« auseinandersetzen. Wir freuen uns über Texte zu Freund*innenschaften, Liebe und Fürsorge ebenso wie über Beiträge zu Nachbar*innenschaft, Stadtentwicklung, Geschichten aus eurer Wohngemeinschaft, politischer Solidarität, sozialer Ungleichheit oder den Widersprüchen digitaler Vernetzung. Uns interessieren Überlegungen dazu, wie Nähe entsteht, wie sie verloren geht und welche gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmen, wer einander nahe sein kann und wer auf Distanz gehalten wird.
Wie immer sind unterschiedliche Textformen willkommen. Probiert euch gerne an Essays, Reportagen, Interviews, Rezensionen oder anderen journalistischen Formaten aus. Auch literarische Texte, Fotostrecken und Illustrationen freuen uns. Einsendungen, die nicht zum Schwerpunktthema passen, können in unserer Rubrik »Forum« erscheinen oder auf unserer Website veröffentlicht werden.
Bitte beachtet die Beschränkung auf 10.000 Zeichen. Eure Beiträge sowie Fragen schickt ihr bitte bis 15. September 2026 an: zeitung [at] asta-frankfurt.de (zeitung[at]asta-frankfurt[dot]de)