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AStA Zeitung Exemplare

Call for Papers: Überwintern

16.10.2022

„In der anbrechenden Kälte der neuen Weltordnung müsste sich die subversive Theorie ihre geschichtliche Aufgabe aufs Neue aneignen, die darin besteht, immer dann das ganz Andere zu vergegenwärtigen, wenn die Aktualität der Revolution bis aufs weitere suspendiert worden ist. Dann ist die Zeit nicht so sehr der subversiven Aktion als der subversiven Theorie. Die Subversion ist eine Arbeit auf die Revolution hin, sie ist nicht die Revolution selbst – doch ist sie notwendig, um der Revolution behilflich zu sein in der schwierigen Zeit des Überwinterns.“ (1)

- Johannes Agnoli

 

Deutsche Winter sind kalt. Sie sind grau. Sie sind trist. Und dieses Jahr könnte es noch schlimmer werden. Durch den Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt, und den damit zusammenhängenden Wirtschaftssanktionen und Lieferengpässen, steigt nicht nur der Preis von Sonnenblumenöl. In der Politik spricht man mittlerweile von einer kommenden „Energiekrise“. Selbst wenn Gas noch erhältlich ist, wird es bald kaum noch zu bezahlen sein. Bei vielen sind die Mietnebenkosten dadurch bereits um das Dreifache gestiegen. Insgesamt steigen die Lebenshaltungskosten um ein Vielfaches und die Ökonomen prophezeien bereits eine kommende Rezession. Die Krise wird vorhergesagt wie ein Schneesturm im Wetterbericht, sie erscheint so unabwendbar, wie das Hereinbrechen einer Naturkatastrophe. Und so schwören uns die ersten Politiker*innen bereits auf den nationalen Zusammenhalt ein: Nur zusammen könnten wir diese schweren Zeiten überstehen.

Eine Preissteigerung ist jedoch kein Naturphänomen. Preise steigen nicht wie Wasser zu Eis gefriert, sondern infolge politischer und ökonomischer Entscheidungen. Dort wo Protest am lautesten ertönt, erblickt man Regression und Verschwörungswahn. Jene, die hinter der Krise nur gierige Eliten oder Volksfeinde erblicken, verfallen demselben Fetisch wie die Nationalökonomen, die mit ihren Theorien der angeblich naturgesetzlichen Warenwelt hinterherjagen.

Dass sich in diesen Zeiten kaum kritische Opposition regt, liegt nicht nur an dem Fehlen einer relevanten Linken Organisation, sondern auch an der zunehmenden Zurückdrängung einer kritischen Theorie der Gesellschaft. Dieses Jahr durften wir mit zusehen, wie an der Goethe Universität die letzte Professur für Psychoanalyse aus dem Fachbereich Psychologie verdrängt wurde. Die Professur, bis zu seiner Emeritierung in diesem Jahr von dem Psychoanalytiker Tilman Habermas besetzt, wird nun verfahrensoffen ausgeschrieben. Das heißt, die Bewerber*innen mit höheren Publikationszahlen und mehr Drittmitteln haben die besten Chancen auf die Nachbesetzung. Psychoanalytische Forschung ist grundsätzlich aufwendiger und erfordert mehr Zeit, weshalb psychoanalytische Bewerber*innen weniger Chancen haben und es wahrscheinlich zu einer verhaltenstherapeutischen Nachbesetzung kommen wird. Insgesamt versucht sich die Psychologie der Naturwissenschaft anzugleichen: Psychische Vorgänge sollen im Sinne von Reiz-Reaktion Schemata durch positivistische Verfahrensweisen erklär- und vor allem nutzbar gemacht werden. Entsprechend haben ergebnisorientierte Therapieformen, wie die Verhaltenstherapie, wegen ihrer schnellen Symptomreduktion den Rückhalt der Krankenkassen. Langwierige und analytisch verfahrende Therapieschulen sind eben nicht dafür geeignet, die Arbeitskraft schnellstmöglich funktionsfähig zu machen. Im Gegenteil geht es in der Psychoanalyse vielmehr darum, jene inneren Konflikte des Subjekts aufzudecken, die für dessen Leidensdruck ursächlich sind. Die psychische Zurichtung des Einzelnen wurzelt dabei notwendigerweise in dem Bruch zwischen Individuum und Gesellschaft. Insofern ist Psychoanalyse (zumindest in ihren kritischen Ausführungen) auch Sozialpsychologie, weshalb es nicht verwunderlich erscheint, dass sich die Kritische Theorie der Frankfurter Schule auf Freud berief.

Die Verdrängung der Psychoanalyse ist nur ein Beispiel für die Regression der kritischen Bildung aus der Universität. Sie ist gleichsam ein Phänomen der bereits vollzogenen Ökonomisierung und Nutzbarmachung von Bildung und Wissenschaft. Zu Überwintern hieße in diesem Sinne also  die radikale Kritik der Gesellschaft unter erschwerten Bedingungen weiterzuführen, auch wenn diese institutionell immer mehr Einengung erfährt. Nur so kann auch die Möglichkeit einer revolutionären Politik erhalten bleiben, die dem Credo treu bleibt:

 

„Es ist nicht warm, aber es könnte warm sein.“ (2)

- Erich Fried

 

 

Falls ihr euch angeregt fühlt, schickt uns gerne eure Beiträge bis zum 15.11.22 als Word-Datei an zeitung [at] asta-frankfurt.de.

 

Eure Redaktion 

 

 

(1)  Johannes Agnoli: Subversive Theorie. „Die Sache selbst“ und ihre Geschichte, Freiburg i/B, 1999, S. 226

(2) Erich Fried: Bevor ich sterbe