Tl;dr - Stellungnahme des AStA zu einem Artikel über Meinungsfreiheit an Universitäten

Datum der Veröffentlichung:Dienstag 17.11.2020

Tl;dr: Nach einem Artikel in der FAZ zu Meinungsfreiheit an Universitäten (1), der sich auf eine Studie aus dem letzten Jahr bezieht, fordern wir einen differenzierteren Umgang mit sozialwissenschaftlichen Studien.

Lieber Herr Thiel,

wir haben Ihren Artikel Toleranz im geschlossenen Zirkel in der FAZ gelesen. Wir haben dazu einige Verständnisfragen und möchten auf das ein oder andere Argument von Ihnen eingehen.

Über die Studenten[sic!] der Goethe Universität

Zunächst fragen wir uns, woher Ihr Blick auf die homogene Gruppe der Studenten [sic!] der Goethe Universität kommt. In der Studie von Revers und Traunmüller (2), die sie zitieren, wird ein ähnliches Bild gezeichnet: So werden etwa die Vorfälle um den verhinderten Auftritt von Rainer Wendt und die Konflikte um die Professorin Schröter völlig undifferenziert in einen Topf geworfen. Dass es sich politisch um unterschiedliche Situationen handelt, haben die Autoren offensichtlich nicht verstanden (Revers & Traunmüller: 476f). Wer sich also auch nur ein kleines bisschen mit den tatsächlichen Diskursen an der Goethe Universität auseinandergesetzt hat, weiß, dass diese unterkomplexe Darstellung des angeblich starren studentischen Meinungsregimes zu kurz greift. Ohne die Konflikte wieder aufwärmen zu wollen, finden Sie hier (3) die jeweiligen Stellungnahmen des AStA dazu, nur um zu veranschaulichen, dass diese Situationen ganz unterschiedlich behandelt wurden.

Über die Bereitschaft, Meinungsfreiheit einzuschränken

Schon im Untertitel Ihres Artikels unterstellen Sie uns, wir wären bereit dazu, die Meinungsfreiheit einzuschränken. Auch hier gilt, dass wir natürlich nicht für alle Studierenden sprechen können. Trotzdem haben wir auch dazu den ein oder anderen Gedanken, denn wir fragen uns, wo wir tatsächlich die Meinungsfreiheit eingeschränkt haben. Wir haben niemandem verboten, eine Meinung zu haben oder zu vertreten. In den Fällen, die in Ihrem Artikel und in der Studie beschrieben werden, geht es um Auftritte im öffentlichen Raum. Wir möchten Sie dazu einladen, darüber nachzudenken, was das politische Recht auf Meinungsfreiheit alles nicht einschließt. Was Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne ist, ist einfach nachzulesen.

  • Meinungsfreiheit bedeutet nicht Schutz vor Widerspruch. Wer vor Publikum spricht, muss damit rechnen, Widerspruch zu erfahren. Und wer an einem Ort sprechen möchte, muss damit rechnen, dass das dort anwesende Publikum diese Meinung nicht hören möchte. Meinungsfreiheit bedeutet nämlich auch nicht, dass jeder*m ein Podium oder eine Bühne zusteht. Und wer nicht die Meinungshoheit hat, ist noch lange nicht in der Meinungsfreiheit eingeschränkt. Das gilt natürlich auch für die Räume der Universität.

  • Meinungsfreiheit hat Grenzen. Und zwar dort, wo Gesetze gebrochen werden. Diskriminierung und Beleidigung sind keine Meinungen. Revers und Trainmüller fragen in ihrer Studie etwa, ob Studierende möchten, dass eine Person an der Universität lehrt, die „Homosexualität für unmoralisch und gefährlich hält“. Aus einem Fragenkatalog, der so etwas beinhaltet, zu schließen, die Studierendenschaft sei gegen Meinungsfreiheit, hat also gleich mehrere methodische Fehler gemacht – in der Konzeption wie in der Interpretation der Daten.

Über Meinungen

Wir möchten Sie dazu einladen, auch darüber nachzudenken, um welche Meinungen es Revers und Traunmüller (unter anderem) geht. Wie wir oben schon angeschnitten haben, werden in der Studie etwa folgende Fragen gestellt: Soll jemand an der Universität sprechen, lehren oder mit Büchern in der Universitätsbibliothek vertreten sein, der a) „Glaubt, dass der Islam mit dem westlichen Lebensstil unvereinbar ist“; b) „Denkt, dass es biologische Unterschiede in den Begabungen von Frauen und Männern gibt“; c) „Jede Form von Einwanderung ablehnt“; d) „Homosexualität für unmoralisch und gefährlich hält“?"

Gerade in dem wissenschaftlichen Diskurs, den Sie so hochhalten, gelten solche Behauptungen als veraltet und unwissenschaftlich. Dass auf den Extremismus, der in ebendiesen Haltungen mitschwingt, mit Ablehnung reagiert wird, sollte nicht überraschen – in einem universitären Rahmen haben sie schon gar nichts zu suchen. Uns erschreckt es viel mehr, dass es noch immer einen nicht zu vernachlässigenden Teil der Gesellschaft gibt, der vertritt, dass Männer und Frauen biologische Unterschiede in ihren Begabungen hätten.

Und noch ein weiterer Gedanke: Die Freiheit, die persönliche Meinung zu äußern ist nicht gefährdet - sie ist vielleicht sogar größer als je zuvor. Dank sozialer Medien und unendlichen Echokammern, in denen alle jederzeit ihre Gedanken mit der Welt teilen können. Was aber nicht besteht, ist die Freiheit von Konsequenzen für das eigene Handeln und Auftreten. Wer sich öffentlich für oder gegen bestimmte Positionen einsetzt, muss damit rechnen, von manchen Menschen nicht mehr eingeladen oder für Aussagen kritisiert zu werden.

Zur medialen Darstellung sozialwissenschaftlicher Studien

Es gibt ein wiederkehrendes Muster in der medialen Darstellung von Studien zur Meinungsfreiheit. Wer sie in reißerischen Schlagzeilen als gefährdet darstellt, kann sich hoher Klickzahlen sicher sein. Und da die meisten Leser*innen sich nicht die Mühe machen, tatsächlich in die Studien hineinzulesen, lassen sich ganz leicht Aussagen aus dem Kontext reißen und Inhalte verzerren. Hier ist noch ein weiteres Beispiel für diese Dynamik: Schon zu Beginn des Jahres haben wir uns mit der Studie zu Forschungsfreiheit an deutschen Universitäten (4) von der Konrad-Adenauer-Stiftung beschäftigt. Die Schlagzeile, die aus der knappen Darstellung der Forschungsergebnisse entstanden ist, lautete "Hochschullehrer sehen Meinungsfreiheit an Universitäten in Gefahr (5). Werfen Sie doch mal einen Blick in die Studie. Es hat nichts mit einem wissenschaftlichen Blick zu tun, diese Aussage aus den wenigen Slides, die die KAS zur Verfügung stellt, abzuleiten. Außerdem: Warum taucht nirgends auf, dass ein Großteil der Wissenschaftler*innen findet, dass unter dem Zwang zum schnellen Publizieren die Forschung und die Lehre leidet? Oder welche finanziellen Hemmnisse die Forschung erschweren?

Wir sind uns darüber bewusst, dass Wissenschaftskommunikation ein komplexes Feld ist. Wer nimmt sich heute noch die Zeit, vage Aussagen oder widersprüchliche gesellschaftliche Dynamiken in ihrer Komplexität medial darzustellen? Uns ist auch klar, dass die meisten Leser*innen an einer Zusammenfassung der interessantesten Ergebnisse interessiert sind. Nur bedeutet der Halbsatz „Eine Studie zeigt…“ nicht automatisch, dass die Aussage objektiv wahr ist. Wir wünschen uns allgemein, dass dieses Thema etwas sensibler behandelt wird.

Einige Worte zum Schluss

Lieber Herr Thiel, haben Sie schon den Artikel von Herrn Yücel in der Welt (6) gelesen? Oder den von Herrn Erich in der Zeit? (7) Auch die beiden haben sich die Studie von Revers und Traunmüller etwas genauer angesehen als Sie.

Unsere Stellungnahme möchten wir mit einem Plädoyer schließen: Sich etwas mehr Zeit zu nehmen. Die Zeit, Komplexität und Widersprüche auszuhalten. Denn auch wir empfinden etwas als alarmierend: Egal wie differenziert sozialwissenschaftliche Studien konzipiert sind, egal wie vorsichtig die Interpretation - am Ende findet sich immer ein*e Autor*in, der*die die Komplexität eines Sachverhalts zugunsten einer vielversprechenden Schlagzeile aufgibt.

 

Stand 16.11.: Mittlerweile ist in der Süddeutschen Zeitung ein Interview (8) mit Revers und Traunmüller erschienen, auf das hier nicht mehr ausführlich eingegangen werden kann. Doch ein Zitat von Traunmüller zum Schluss: „Wenn jetzt Leute schreiben: "Toleranz sinkt unter den Studenten!" - das ist nicht unsere Story, das können und wollen wir auch nicht schreiben.“

 

(1) https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/toleranz-studie-ueber-meinungsfreiheit-an-hochschulen-17044294.html
(2)https://link.springer.com/article/10.1007/s11577-020-00713-z

(3)https://www.facebook.com/astafrankfurt/posts/2983984918308183/; https://www.facebook.com/astafrankfurt/posts/-wendt-ausgeladen-am-donnerstag-sollte-der-rechtspopulist-unruhestifter-und-vors/1929831110390241/
(4)https://www.kas.de/documents/252038/7995358/Studie+des+Instituts+f%C3%BCr+Demoskopie+Allensbach+zur+Forschungsfreiheit+an+deutschen+Universit%C3%A4ten.pdf/01252a6a-38eb-a647-fb74-7d39b1890382?t=1581610619899

(5)https://www.welt.de/politik/deutschland/article205768557/Universitaeten-Hochschullehrer-sehen-Meinungsfreiheit-in-Gefahr.html
(6)https://www.welt.de/kultur/plus219892474/Cancel-Culture-an-Universitaeten-Besser-genauer-hinschauen.html

(7)https://www.zeit.de/kultur/2020-11/meinungsfreiheit-universitaeten-studie-cancel-culture-gesellschaft

(8)https://www.sueddeutsche.de/kultur/interview-matthias-revers-richard-traunmueller-studie-linke-meinungsfreiheit-1.5114852

 

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