PM: Breite Unterstützung für die Forschungsstelle NS-Pädagogik

Datum der Veröffentlichung:Dienstag 8.6.2021

Die Pressemitteilung des AStA vom 12.04.21 zum Fortbestand der Forschungsstelle NS-Pädagogik ist auf breite Resonanz gestoßen: Neben zahlreichen Medienberichten haben den AStA unzählige Stellungnahmen und offene Briefe erreicht. Die Unterstützung geht dabei weit über die Goethe-Universität hinaus: Neben bundesweiten Reaktionen aus der Erziehungswissenschaft haben sich auch zivilgesellschaftliche Stimmen zu Wort gemeldet. Nun steht die Goethe-Universität in der Pflicht, diesen Stimmen Gehör zu schenken und endlich in einen offenen Dialog um die Zukunft der Forschungsstelle einzutreten.

 

Wissenschaftsministerin Dorn betont „besondere gesellschaftliche Bedeutung“ der Forschungsstelle

 

Nach der Veröffentlichung der Pressemitteilung hat sich der AStA mit einem Brief hilfesuchend an die hessische Wissenschaftsministerin Angela Dorn gewandt. In ihrer Antwort betont Angela Dorn nun, dass die Arbeit der Forschungsstelle ein „Lehr- und Forschungsthema mit besonderer gesellschaftlicher Bedeutung“ berührt. Sie würde es „sehr begrüßen, wenn die Goethe-Universität weiterhin gute Voraussetzungen dafür schafft, dass in der erziehungswissenschaftlichen Forschung und Lehre die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte, insbesondere für ihre Implikationen für unsere Gegenwart, einen wichtigen Stellenwert einnehmen kann.“

 

Unter Verweis auf die Autonomie der Goethe-Universität bei Fragen der Ausstattung einer Professur aus der Grundfinanzierung des Landes spielt Angela Dorn den Ball der Uni-Leitung zu: Sie würde sich darüber freuen, wenn die Goethe-Uni die Weiterführung der Arbeit der Forschungsstelle „durch gute Rahmenbedingungen und Ausstattung“ unterstützt. Die noch ausstehende Übernahme der Materialsammlung der Forschungsstelle erachtet Angela Dorn als „sehr wertvoll für die Goethe-Universität, […] denn die Sammlung kann eine wichtige Unterstützung sowohl für die Lehre als auch für die Forschung in diesem Bereich sein.“

 

Der AStA-Vorsitzende Mathias Ochs kommentiert die Antwort von Angela Dorn: „Frau Dorn ist optimistisch, dass wir im konstruktiven Dialog mit der Universität eine Lösung für Fragen der räumlichen Unterbringung der Materialsammlung der Forschungsstelle finden werden. Leider haben wir den Eindruck, dass sich die Uni-Leitung einem solchen Dialog bisher entzieht. Die Schenkungsurkunde wurde bis heute nicht von der Uni-Leitung unterzeichnet. Die Übernahme wird unter Verweis darauf abgelehnt, dass die Bücher ‚zu schwer‘ seien und keine Räumlichkeiten zur Verfügung stehen. Und während wir auf unsere Pressemitteilungen zahlreiche Reaktion aus den verschiedensten Kreisen erhalten haben, lässt eine offizielle Stellungnahme seitens der Uni-Leitung weiterhin auf sich warten.“

 

Studierende kritisieren „Verkennung der Relevanz“ der NS-Forschung durch Uni-Präsidium

 

Eine dieser Reaktionen stammt von Studierenden des Fachbereichs Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität. In einem offenen Brief an Uni-Präsident Prof. Dr. Enrico Schleiff bringen sie ihr Unverständnis darüber zum Ausdruck, „wie die langjährige Arbeit und Anstellung von sämtlichen Mitarbeitenden der Forschungsstelle NS-Pädagogik […] zum Ende kam“. Sie monieren dabei vor allem den Umgang der Uni-Leitung und des Dekanats mit den ehemaligen Leiterinnen der Forschungsstelle, Dr. Z. Ece Kaya und Dr. Katharina Rhein, der in einem krassen Missverhältnis zu ihren Verdiensten steht: „Die Lernerfahrungen in den Seminaren der ehemaligen Mitarbeitenden gehörten für uns als Studierende nicht zuletzt zu den prägendsten unserer bisherigen Studienzeit an der Goethe-Universität.“

 

Insbesondere vor dem Hintergrund der „rechtspopulistischen und antidemokratischen Entwicklungen, die in den letzten Jahren in der deutschen Politik und Gesellschaft stärker werden“, betrachten die Studierenden die Entwicklung der Lehre an ihrem Fachbereich mit Sorge. Eine kritische Forschung und Lehre in den Erziehungswissenschaften, wie sie die Forschungsstelle verkörpert, gerät immer mehr ins Hintertreffen: „Wir sehen […] eine langsame, aber stetige Verkennung der Relevanz, die die NS-Forschungsstelle für die Goethe-Universität einnimmt. […] Die finanziell prekäre Situation der Forschungsstelle NS-Pädagogik wirft Fragen darüber auf, welche Relevanz der Forschungs- und Arbeitsbereich nach Ansicht der Leitenden des Fachbereichs und der Universität einnimmt.“ Der offene Brief schließt mit der Forderung an die Uni-Leitung, „dass der Personalwechsel mit einem Aufbau an finanziellen Mitteln und der inhaltlichen Förderung einhergeht.“

 

Den gleichen Tenor schlägt auch ein offener Brief ein, der von verschiedensten Einrichtungen, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Wissenschaftler*innen und Lehrenden aus ganz Deutschland unterzeichnet wurde. Sie rufen dort zur „personellen, räumlichen und materiellen Erhaltung der Fortführung der Forschungsstelle NS-Pädagogik“ auf: „Die Gesellschaft braucht gegen Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus engagierte Pädagogik – gerade jetzt!“

 

Keine Räume und keine forschenden und lehrenden Personen“

 

Der Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 betont in seiner Stellungnahme vor allem die Bedeutung der Forschungsstelle für das Studium der Erziehungswissenschaften. So ist es der Forschungsstelle zu verdanken, die Rolle derjenigen hervorgehoben zu haben, „die sich aktiv am Widerstand gegen die NS-Diktatur beteiligt haben.“ In diesem Zusammenhang werden insbesondere die Verdienste der Mitarbeiter*innen der Forschungsstelle beim Kampf um die „Erinnerung an Auschwitz und […] den Widerstand in Deutschland“ an der Goethe-Universität betont. Die Forschungsstelle ist dabei teilweise auf „erheblichen Widerstand“ seitens der Uni-Leitung gestoßen.

 

Als besonders kritisch betrachtet der Studienkreis die Regelung der Nachfolgeprofessur ‚Erziehung nach Auschwitz in der Migrationsgesellschaft‘ durch das Dekanat des Fachbereichs Erziehungswissenschaften: „Eine angekündigte neue Stelle für eine Professur ‚Erziehung nach Auschwitz‘ wurde zurückgezogen. Stattdessen wurde die Leitung der Forschungsstelle NS-Pädagogik einer anderen Professur als ‚Teilaufgabe‘ zugeordnet.“

 

Die Darstellung des AStA zur Nachfolgeregelung wurde seitens der Goethe-Universität als ‚unvollständig und fehlerhaft‘ dargestellt. Dazu stellt AStA-Vorsitzende Kyra Beninga klar: „Die Uni-Leitung versucht der Öffentlichkeit immer wieder aufs Neue zu verkaufen, sie habe eine neue Professur geschaffen. Das ist falsch: Der ursprüngliche Plan, eine solche Professur für die Forschungsstelle zu schaffen, wurde wieder zurückgenommen. Stattdessen wurde sie der bereits bestehenden Professur der Dekanin des Fachbereichs Erziehungswissenschaften, Prof. Dr. Isabell Diehm, zugeordnet. Diese Professur wurde nun mit Prof. Dr. Wolfgang Meseth nachbesetzt.“

 

AStA-Vorsitzender Mathias Ochs ergänzt: „Tatsächlich wurde also keine neue Professur geschaffen, sondern lediglich eine alte Professur neu besetzt. Die Degradierung der Forschungsstelle zeigt sich schon allein daran, dass die Forschungsstelle an diese Professur angebunden und ihre thematische Arbeit dort bloß noch als einer unter vielen Unterpunkten aufgeführt wird. Was die Uni-Leitung als ‚zeitgemäße Konzeption‘ der Forschungsstelle darstellt, ist im Wesentlichen nichts als anderes eine Verknappung personeller, finanzieller und räumlicher Ressourcen. Und obendrein präsentiert die Goethe-Uni die faktische Ersetzung von Dr. Z. Ece Kaya und Dr. Katharina Rhein durch den deutlich älteren Prof. Dr. Wolfgang Meseth öffentlich auch noch als einen Generationswechsel.“

 

Vor diesem Hintergrund stellt der Studienkreis in seiner Stellungnahme fest, dass das aktuelle Vorgehen von Uni-Leitung und Dekanat das faktische Aus für die Forschungsstelle bedeutet: „Keine Räume und keine forschenden und lehrenden Personen mehr in der Forschungsstelle NS-Pädagogik.“ Er appelliert an den Fachbereich Erziehungswissenschaften und das Uni-Präsidium, „die Forschungsstelle NS-Pädagogik personell – durch Dauerstellen für Dr. Katharina Rhein und Dr. Z Ece Kaya – und räumlich so solide auszustatten, dass deren gerade für Studierende der Erziehungswissenschaften und damit für zukünftige Lehrende so immens wichtige Arbeit zur deutschen Geschichte fortgesetzt werden kann.“

 

Am falschen Ende gespart? – „Nun ist die Uni-Leitung am Zug“

 

Die Goethe-Universität beharrt darauf, dass keine finanziellen Mittel bereitstünden, um Dauerstellen für Dr. Z. Ece Kaya und Dr. Katharina Rhein zu schaffen. So weist Prof. Dr. Isabell Diehm darauf hin, dass der Fachbereich Erziehungswissenschaften einer der unterfinanziertesten Fachbereiche der Universität ist.

 

Dazu meint Newal Yalcin, AStA-Referentin für politische Bildung: „Die Unterfinanzierung vieler Fachbereiche prangern wir schon lange an. In diesem konkreten Fall geht es aber auch um die Frage, welche Prioritäten die Goethe-Uni setzt. Es drängt sich der Verdacht auf, dass am falschen Ende gespart wird. Die Forschungsstelle ist kein nettes Anhängsel, mit dem man nach Belieben schmücken kann, sondern bildet gerade in seiner bundesweiten Einzigartigkeit einen essentiellen Bestandteil der erziehungswissenschaftlichen Forschung und Lehre.“

 

AStA-Vorsitzende Kyra Beninga freut sich über die Resonanz auf die Pressemitteilung: „Die breite Unterstützung, welche die Forschungsstelle nicht nur aus dem Universitätskontext, sondern auch aus der Politik und der Zivilgesellschaft erfährt, überwältigt und ermutigt uns, weiter um den Erhalt der Forschungsstelle zu kämpfen. Nun ist die Uni-Leitung am Zug.“

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