Für Freiheit in Forschung & Lehre: Stellungnahme zum Finanzdienstleister MLP

Datum der Veröffentlichung:Montag 16.11.2020

Die Initiative ‚Finanzwende‘ hat kürzlich die Zusammenarbeit der Goethe-Universität mit dem Finanzdienstleister MLP kritisiert.1 MLP bietet an der Universität Seminare und Workshops, etwa zu Steuerfragen und „Financial Education“ oder Excel-Kurse, an, die von Mitarbeiter*innen des Unternehmens geleitet werden. Diese Seminare haben dann reißerische Titel wie „Mehr Geld – weniger Steuern!“ oder „Gehaltsverhandlungen – Wie bekomme ich, was ich verdiene?“. Kundenwerbung gehört natürlich zum festen Programm dieser Seminare. So werden die Teilnehmenden zum Semesterende dazu aufgefordert, ihre Kontaktdaten für weitere Gespräche zu hinterlassen, Versicherungen bei MLP abzuschließen oder Praktika wahrzunehmen.

 

Diese Zusammenarbeit ist kein Einzelfall, sondern steht exemplarisch für die enge Kooperation zwischen Goethe-Universität und Wirtschaft. Während Banken Lehrstühle finanzieren und Dozierende etwa für das Modul Finanzmarktethik abstellen, nehmen umgekehrt Lehrende eine beratende Funktion in Unternehmen ein. Auf ihrer Homepage lässt die Goethe-Universität 131 Förderern des House of Finance ihre „größte Wertschätzung“2 entgegenkommen, die sich auch in der Benennung der Räumlichkeiten niederschlägt: Im House of Finance lässt es sich nicht nur in Shanghai, Boston und anderen Finanzmetropolen studieren, sondern auch direkt bei der Credit Suisse, der Deutsche Bank, der DZ Bank oder der Commerzbank.

 

Partnerschaften dieser Form gehören zum Kerngeschäft der Universität. Aldi-Süd-Hörsaal, Sparkassen-Hörsaal, easyCredit-Hörsaal und Fresenius-Medical-Hörsaal: An deutschen Universitäten und Fachhochschulen sind Unternehmen so präsent wie nie. Und obwohl sich die Goethe-Universität in ihrem Leitbild zur „Freiheit und Einheit von Forschung und Lehre“3 bekennt, sieht die Universität augenscheinlich keinen Widerspruch zwischen solchen Partnerschaften und einer freien Forschung und Lehre. Freiheit impliziert die Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen, welche die Universität als Institution überhaupt erst dazu in die Lage versetzt, durch Forschung und Lehre in gesellschaftliche – das heißt auch: ökonomische – Prozesse kritisch zu intervenieren. Dass das House of Finance und die an ihm beheimateten Institute ohne ihre Förderer nicht dazu in der Lage wären, „ihre hohen Ansprüche zu verwirklichen und die Qualität ihrer Arbeit aufrechtzuerhalten“4, verrät dagegen schon eine Abhängigkeit, die einer freien Forschung und Lehre geradezu im Wege steht.

 

Was es tatsächlich mit der Freiheit auf sich hat, der sich die Goethe-Universität verschreibt, lässt sich ebenfalls auf der Universitäts-Homepage nachlesen: Gemeint ist weder die Freiheit zur Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen noch die Freiheit von jeglicher äußeren Einflussnahme, sondern die „Freiheit von staatlicher Detailsteuerung“5 als notwendige Voraussetzung auf dem Weg zur Exzellenz.

 

Die Orientierung an der klassisch liberalen Ideologie einer Freiheit von staatlichen Einflüssen macht die Zusammenarbeit mit der Goethe-Universität für andere wirtschaftliche Akteure natürlich ungemein attraktiv. Daraus resultiert ein Bündnis zwischen Universität und Wirtschaft, das von einer wechselseitigen Abhängigkeit geprägt ist. Die Goethe-Universität erhofft sich durch finanzielle Unterstützung aus der Privatwirtschaft „in Zeiten knapper öffentlicher Kassen neue Spielräume für Forschung und Lehre“6. Indessen sollte aber klar sein, dass die sogenannten ‚Freunde und Förderer‘ der Universität diese Spielräume umgekehrt nicht aus völliger Selbstlosigkeit, sondern aus eigenem Interesse eröffnen. In manchem Fällen mag das ein ganz konkretes Profitinteresse sein. In anderen Fällen kann es darum gehen, auf die Ausrichtung der Forschung Einfluss zu nehmen. In jedem Fall aber ist diese Unterstützung an die Erwartung geknüpft, dass die Universität ihr liberales Leitbild aufrechterhält.

 

In Wahrheit steht die ‚Freiheit von staatlicher Detailsteuerung‘ der Freiheit von Forschung und Lehre entgegen. Um eine freie Forschung und Lehre zu gewährleisten, wäre es notwendig, die Universität von den finanziellen Sachzwängen zu befreien, die ihre Ausrichtung an wissenschaftlicher Exzellenz bedingen und die Universität selbst zu einer wirtschaftlichen Akteurin machen, die sich um den Erwerb von Drittmitteln zu kümmern hat. Die sogenannte Exzellenzstrategie hat zur Folge, dass der Wettbewerb um knappe Finanzmittel zunimmt, die Grundfinanzierung der Hochschulen durch die Länder zurückgeht und Kettenbefristungen im Mittel- und Unterbau der Hochschulen ausufern.

 

Seit Jahren werden die Hochschulen und Universitäten unter dem Druck der öffentlichen Finanzierungssysteme zur unternehmerischen Hochschule ausgebaut. Das Ziel ist, Wissen, Bildung und Forschung wirtschaftlich verwertbar zu machen. Durch die chronische Unterfinanzierung bleibt unabhängige und gesellschaftskritische Forschung und Lehre, durch die sich nur schwer Drittmittel generieren lassen, auf der Strecke. Statt einseitiger Exzellenz-Förderung bedürfte es vielmehr einer öffentlichen Ausfinanzierung, um die Voraussetzungen für eine Forschung und Lehre sicherzustellen, die unabhängig von wirtschaftlichen Interessen zu agieren vermag. Für MLP und zahlreiche andere Unternehmen würde das die Kooperation mit Universitäten zwar unattraktiv machen. Zugleich wäre es der einzige Weg, durch den die Universitäten ihrem Anspruch gerecht werden könnten, unabhängige Institutionen zu sein, die eine kritische Distanz zu gesellschaftlichen Verhältnissen einnehmen.

 

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