Call for Papers: Ausnahmezustand & Corona

Datum der Veröffentlichung:Montag 18.5.2020

Auch wir wollen uns nicht den momentan unausweichlichen Debatten und Diskussionen rund um Corona entziehen und haben deswegen beschlossen, das Thema für die nächste Ausgabe der AStA-Zeitung spontan umzuwidmen: „Corona & Ausnahmezustand“. Inhaltlich wollen wir eine Debatte nicht nur über das Thema Corona, sondern damit verbunden, den Ausnahmezustand anstoßen.

Dadurch liegt der Fokus der Ausgabe insbesondere auf den gesellschaftlichen Implikationen des Virus. Ob direkt vom Virus betroffen oder nicht, wir alle sind mehr oder weniger mit einer Ausnahmesituation konfrontiert. Mit einer Situation die unser alltägliches Leben neu strukturiert, unsere Abläufe in neue Bahnen lenkt, unsere Beziehungen verändert und unsere Perspektiven verschiebt. Es zeigt sich, dass die Corona Krise – und das wird zuweilen gerne ausgeblendet – ein gesellschaftliches Phänomen ist: In ihren Ursachen, ihren Ausformungen und Konsequenzen.

Die Krise der Pandemie, in ihren Ausmaßen (fast) historisch einmalig2, verschärft bereits bestehende Krisenmomente: Klassenspezifische Veränderungen und Prekarisierung machen sich in der Arbeitswelt bemerkbar, humanitäre Katastrophen wie im Camp Moria an den europäischen Außengrenzen verschlimmern sich, Menschen die sonst auch von (hygienischer) Grundversorgung abgeschnitten sind bleiben einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt, Gewalt gegen Frauen und Kinder im häuslichen Umfeld3 und vergeschlechtliche Fürsorge-Arbeit werden verstärkt in das Private gedrängt und verschleiert. Die Diagnose einer aktuellen Krisensituation wird dementsprechend kaum umstritten sein. Viel eher stellt sich die Frage in welcher Krise wir uns dabei genau befinden. Für viele Teile der Weltbevölkerung geht es längst nicht mehr nur darum, die Verbreitung eines ominösen Virus zu stoppen, von dem möglicherweise das eigene Umfeld in keiner Weise direkt betroffen ist. Immer mehr Menschen sehen sich im Rahmen der allgegenwärtigen Verschiebungen mit existentiellen Fragen konfrontiert. Anstehende Rezensionen werden prognostiziert.4 Welche klimapolitischen Konsequenzen eine ökonomische Krise hat bleibt unklar. Angesichts der sich anbahnenden Wirtschaftskrise, kommt immer häufiger die Frage nach der Rechtfertigung der getroffenen Maßnahmen auf. Mit Slogans wie „Kill the virus, not the economy“ oder „Give me liberty or give me death“ demonstrieren in den USA immer mehr Menschen gegen die auferlegten Sicherheitsmaßnahmen. Unlängst haben sich auch in Deutschland obscure Querfronten reaktiviert: Rechtsradikale, Verschwörungstheoretiker*innen und Impfgegner*innen formieren sich gegen die staatlichen Maßnahmen. Umso mehr stellt sich auch die Frage nach linken Positionierungen und Handlungsmöglichkeiten in der gegenwärtigen Krise.

Die Ausnahmesituation, als rechtliche und politische Verschiebung, ist dabei erst einmal nichts komplett Neues. Zuletzt erinnern wir uns an die Ausnahmesituationen in Form von Notstandsgesetzen in Frankreich (2015-2017) oder der Türkei (2016-2018). Neu ist aber, dass uns die aktuelle Ausnahmesituation nicht als Folge eines politischen Akts (z.B. in Form von terroristischer Gewalt oder eines Putsches) konfrontiert, sondern als natürliche, in Form eines Virus, erscheint. Gleichzeitig erscheinen dementsprechend auch die darauffolgenden Maßnahmen als natürlich: Als vermeintlich wissenschaftlich und medizinisch angebracht. Maßnahmen und Einschränkungen werden der demokratischen Debatte im Namen der Naturbeherrschung entzogen und als selbstverständlich erachtet. Damit sind sie auch stärker als sonst über Zweifel und kritische Auseinandersetzung erhaben. Und auch wenn das Virus „SarsCov2“ eine reale, Call for Papers at home!« lebensbedrohliche Gefahr darstellt, bleibt es notwendig, sich der Risiken einer Verselbstständigung der Mittel gegenüber dem Zweck bewusst zu machen. So postulierte zum Beispiel Viktor Orbán, politische Fronten seien im Namen der Virus-Bekämpfung auszusetzen. Die Entpolitisierung der Corona-Bekämpfung führte indessen zur Demokratie-Bekämpfung: Das Parlament entmachtet sich selbst, Orbán hebt sich zum faktischen Allein-Herrscher empor.5 Der Ausnahmezustand in Zeiten von Corona wirft also auch zentrale Fragen des Regierens auf. Panoptische Überwachungssysteme und biopolitische Machttechniken erscheinen im Lichte aktueller staatlicher Maßnahmen aktueller denn je. Das biopolitische Credo „Leben machen und sterben lassen“ lässt sich auf verschieden Weise neu interpretieren und anwenden.6

Fragestellung dieser Ausgabe können sich also sowohl auf theoretische Grundlagen des Ausnahmezustands oder Fragen des Regierens beziehen, sowie auf politische Dimensionen oder Perspektiven der Krise. Folgende Fragen sollen nur Anstoß, nicht Begrenzung möglicher Themen darstellen:

Welche ontologischen Prämissen liegen der Trennung von Politischem & Natürlichem zugrunde? Welche politischen oder rechtlichen Dimensionen enthält ein Ausnahmezustand? Wie beeinflusst er das Lernen und Arbeiten an der Universität? Welche Bedeutung hat der Begriff der Solidarität? Wie wird er verwendet? Welche Rolle spielt die Gesundheitspolitik der letzten Jahre? Welche politischen Möglichkeiten ergeben sich durch die Krise? Ist der Hashtag #staythefuckathome Ausdruck einer aktiven Zivilgesellschaft oder eine Form der Selbstregierung? Welche Formen nehmen aktuelle Diskurse an, wie beeinflussen sie uns?

Eure Gedanken dazu könnt ihr in dem Medium eurer Wahl einreichen, ob in Textform als Kommentar, Gedicht, Erfahrungsbericht als auch in fotographischer Form oder Ähnlichem. Bitte achtet darauf auf die Beschränkung von 8.000 Zeichen einzuhalten und die Texte als Word- Datei einzureichen. Eure Beiträge sowie Fragen könnt ihr uns per Mail an zeitung [at] asta-frankfurt [dot] de schicken.

Nutzt die Zeit von Corona und Quarantäne, ran an die Tastaturen!

 

Eure Redaktion

 

 

1 Hashtag in Zeiten des Ausnahmezustands.

2 Ähnlich pandemische Ausmaße nahm u.A. die Spanische Grippe (1918-1925) an.

3 Häusliche Gewalt nimmt zu, bleibt aber im privaten Raum unsichtbar und wird kaum registriert. Vgl.: https://www.ndr.de/nachrichten/ hamburg/Hinter-geschlossenen-Tueren-Coronaund-haeusliche-Gewalt,gewalt564.html

4 In Amerika steigt die Arbeitslosenquote schätzungsweise um 15%. Auch in Deutschland wird nach Schätzungen der Anteil an Arbeitslosen im Schnitt um ca. eine halbe Million steigen: https://www.iab-forum.de/derarbeitsmarkt-in-der-schwersten-rezession-der...

5 Vgl.: https://www.merkur.de/politik/coronavirusungarn-pandemie-viktor-orban-ge.... html

6 Vgl. dazu die Gouvernementalitätsstudien von Michel Foucault.

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