Sodom in Kampala, Ghomorra in Grosny. Tschetschenien II

So. 29.10. 20:00 Uhr

Der zweite Teil unserer dreiteiligen Tschetschenien Veranstaltungsreihe.
Referent_in: Felix Riedel

Sodom in Kampala, Ghomorra in Grosny - Zu Besonderem und Allgemeinen der postkolonialen Homophobie in Islam und Christentum.

„Diese Publikation ist eine absolute Lüge. Man kann nicht jemanden festnehmen und unterdrücken, den es in der Republik gar nicht gibt“ (Ramsan Kadyrow, Sprecher des tschetschenischen Präsidenten 2017)

„We equally reject attempts to prescribe new rights that are contrary to our norms, values, traditions and beliefs. We are not gays.“ (Robert Mugabe, Präsident Zimbabwe, 2009)

Im April 2017 richtete Tschetscheniens Regierung mehrere Lager ein, in denen Homosexuelle gefoltert und getötet wurden. Das bedeutete keinen Bruch mit bisherigen Vorstellungen, sondern nur ihre Verstaatlichung. Im ersten Unabhängigkeitskrieg gegen Russland erhielten islamistische Förderer Einfluss: 1996 wurde die Scharia und Todesstrafen eingeführt, Clansysteme wurden gestärkt. Wie in allen islamischen Regionen trat der saudische Salafismus erfolgreich in Konkurrenz mit dem traditionellen Sufismus. Als Tschetschenien versuchte, den Djihadismus nach Dagestand zu exportieren, stellte Russland die russische Souveränität wieder her. Über die islamistische Autokratie legte sich die russische unter Ramsan Kadyrow. Aus dieser vielschichtigen Geschichte der Gewalt erwuchs die Popularisierung des Mordes als legitimes Mittel der Politik, die an Homosexuellen ihre Stärke prüft.

Dass sich die autokratische Gewalt gegen Homosexualität richtet ist kein Zufall. Haupttriebkraft pathischer Projektionen sind verdrängte homosexuelle Wünsche. Das macht es schwer, in Tschetschenien von einem spezifisch islamischen Problem zu sprechen. Wo der Koran für Homosexuelle die Todesstrafe vorsieht, knüpft er an christliche und jüdische Berichte über Sodom und Gomorrha an. Gottes Existenz beweist sich in Genesis 18/19 durch die sichtbare Naturkatastrophe, die zwei Städte vernichtete. Das wird als Bestrafung für allgemeine Sündhaftigkeit und insbesondere Homosexualität interpretiert. Den Abschluss des Mythos bildet das Verbot des Zurückblickens: Lots Frau wendet sich um und erstarrt zur Salzsäule, die bis heute auf einer Klippe am toten Meer besichtigt werden kann. Ein solches Verbot der Rückschau, der Reflexion, auf die eigene Homosexualität ist vor allem in den großen monotheistischen Religionen attraktiv. Sie spalten die Liebe zum gefürchteten Gottvater auf in einen abstrakt geliebten Gott, eine geistig liebenswerte Brüdergemeinde und die Geschlechtsliebe mit verachteten Frauen.
Dennoch erklärt sich der Trend zur homophoben Gewalt zwischen Simbabwe, Uganda, Saudi-Arabien, Tschetschenien und Russland vor allem aus der Krise der Religion, nicht aus ihrer Stärke. Die Verfolgung der Homosexuellen soll einen abwesenden, verloren gegangenen Gott wieder sichtbar machen.
Der Versuch, die Homosexualität als fremde kulturelle Praxis auszulagern bringt kuriose Leugnungen hervor. Gerade unter vielen traditionellen afrikanischen Gesellschaften war Homosexualität zumindest tolerierter Bestandteil, in einigen islamischen Städten und Zeitaltern war Homosexualität akzeptiert. Häufig brachte erst der Kolonialismus drakonische Strafen und Verachtung für Homosexualität mit sich. Die Homophobie ist darin auch Ausdruck einer aufgespaltenen Identifikation mit dem Aggressor.
Mit der Leugnung der Traditionalität versucht sich autokratische Macht selbst als traditionell zu legitimieren. Homosexualität, für den Westen einst Sinnbild archaischer Riten, wird zum Sinnbild des Modernen, Westlichen und letztlich Dekadenten. Daran ist das unreflektierte Verhalten des Westens nicht unschuldig. Die prekäre, kaum zwanzig Jahre alte Befreiung der Homosexuellen wird als selbstverständliche Norm der Weltgesellschaft erachtet und teilweise mit ökonomischen Mitteln erpresst. Nicht nur verleugnen westliche Regierungen die sozialen Kämpfe und die eigene, immer noch lebendige Homophobie, sondern sie verstärken ihren rebellischen Gestus: Sie tritt als Reinigung, als verlagerte Revolution gegen die ökonomische Übermacht des Westens auf. Das Muster wird von den korrupten Eliten erkannt und genutzt.

In der Homophobie sowohl afrikanischer als auch islamischer Bewegungen lässt sich eine konformistische Revolte nachweisen, deren ökonomischen wie auch theologischen Ursachen auf allgemeine Konfrontationen zwischen Zentrum und Peripherie verweisen. Deren Bestimmung darf nicht zu Funktionalismus verleiten, sondern zu einer besseren Solidarität, einer gezielten Förderung bestimmter Aktivisten, einem ausformulierten Argument für die Anerkennung der Homosexualität anstatt von Parolen und zu allgemein gefassten Urteilen.

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