Freiräume - Hintergrund und Konzept

Studentische Räume und Studentische Freiräume sind selbstverwaltete Orte im Kontext der Universität, die ein besonderes politisches, gesellschaftskritisches und reflexives Konzept verfolgen.

Hintergrund

Die Forderung nach studentischen Freiräumen ist wieder populär geworden. Gerade im Kontext der verschiedenen Hochschulbesetzungen im Winter des Bildungsstreiks 2009 ist diese fast vergessene Forderung neu aufgeflammt.

Was aber bedeutet eigentlich das Wort „Freiraum“? Ist dieser Raum gänzlich frei von äußeren Einflüssen? Und ist er auch frei für jede_n? Um diese und andere Fragen zu beantworten, sollte man einen Rückblick auf die Geschichte der neueren Studierendenbewegung werfen.

68er-Bewegung

Die sogenannte „68er-Bewegung“ besetzte erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg Hochschulgebäude und eignete sich diese für ihre Ziele an. So wurde beispielsweise im Mai 1968 das Frankfurter Rektoratsgebäude besetzt und eine politische Universität ausgerufen. Im Rahmen dieser Besetzung wurden Seminare und Vorträge zu unterschiedlichen Themen angeboten, u.a. „Revolutionstheorie“, „Politisches Bewusstsein“, „Enteignet Springer“, aber auch „Psychische Gesundheit und Konformismus“ oder „Politische Apathie“. Einen Tag später wurde die Besetzung von der Polizei geräumt.

In Frankfurt und anderswo ging es den Besetzer_innen nicht nur darum, einen Freiraum für ihre politische Praxis zu schaffen, sondern ein wichtiger Bestandteil des Protest der „Nachkriegsgeneration“ waren zum einen die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und zum anderen mit dem konservativen reaktionären Mief in den Universitäten und in der Gesellschaft insgesamt, der für die Studierenden eng mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ihrer Elterngeneration zusammenhing. Am Tag der Besetzung wurde dementsprechend die Goethe-Universität symbolträchtig in Karl-Marx-Universität umbenannt, außerdem wurde über dem Eingang des Hauptgebäudes ein
Transparent aufgehängt mit dem Slogan:
Dieser Eingang ist offen für NS-Befürworter und Fachidioten“.

Man kann der 68er-Bewegung vorhalten, den Faschismus – besonders in der Form des Antisemitismus - nicht konsequent aufgearbeitet zu haben. Trotzdem kann man an diesem Slogan sehen, dass es nicht nur darum ging, für sich selbst einen Freiraum zu schaffen, sondern mit dem Protest auch gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse in den Blick zu nehmen.

Häuserkampf

Nach 1968 wurdengerade leerstehende Häuser ein beliebtes Ziel studentischen Protests, auch wenn es den Begriff der „Gentrifizierung“ in den 70er Jahren noch nicht gab. Schon damals war die studentische Freiraumpolitik in Frankfurt eng mit den Kämpfen im Stadtteil Westend verbunden. Laut Bebauungsplan der Stadt sollte das Westend abgerissen werden. Kurzerhand wurden viele leerstehende Altbauwohnungen von Studierenden, Migrant_innen und Erwerbslosen besetzt. Etwa 20 besetzte Häuser gab es zwischen 1971-1974 dort, meist waren die Besetzungen reine Wohnbesetzungen und hatten erst einmal wenig mit dem Sinn von Hochschulfreiräumen gemeinsam. Diese Häuser waren jedoch ein Ort, an dem eine andere Gesellschaftsstruktur erlernt und ausprobiert werden sollte. Für die einzelnen Individuen waren die besetzten Häuser in diesen Sinne Freiräume, da gewisse gesellschaftliche Zwänge und Reglementierungen dort verringert wurden, war doch das gesellschaftliche Klima Anfang der 70er Jahre gekennzeichnet von konservativen und reaktionären Werten. So war es z.B. kaum möglich, für die gerade aufkommende Idee einer Wohngemeinschaft Mietwohnungen zu finden, da es als anrüchig angesehen wurde, mit mehr als zwei Personen zusammen zu wohnen. Ohne Trauschein war es kaum möglich als gemischte Wohngemeinschaft Raum zu finden. Dieses und andere reaktionäre Gesellschaftsbilder konnten in den Besetzun gen zum Teil überwunden werden und somit konnte eine wichtige liberale Transformation im Bereich der Wohn- und Lebensverhältnisse erzielt werden. Ähnlich wie die Aktivist_innen der 68er-Bewegung waren viele Hausbesetzer_innen überzeugt, dass die Gesamtgesellschaft verändert werden muss und es nicht ausreicht, sie an einigen Stellen zu reformieren. Man hoffte, dass die Besetzungen eine Massendynamik entfalten könnten und dass es zu massenhaften Mieterstreiks und Besetzungen käme. Eine solche Dynamik entstand allerdings nicht. Die meisten der damals besetzen Häuser wurden entweder geräumt und abgerissen oder es konnten Mietverträge ausgehandelt werden. Nach einigen Jahren der „Integration“ wurden aus diesen kollektiven Hausprojekten zum Großteil klassische Wohnungen. Die armen Studierenden von damals verdienten jetzt gutes Geld, kauften ihre besetzten Häuser und sanierten sie zu schicken Eigentumswohnungen.

AFE-Turm: TuKo, TuCa

Nach dieser Phase gab es dann im Rahmen des sogenannten „Heißen Herbsts“ 1977 wieder eine Universitätsbesetzung. Im neu gebauten AfE-Turm in Bockenheim wurde das sogenannte Turmkommunikationszentrum (TuKo) im fünften Stock besetzt. Es wurde zum Freiraum für selbstorganisiertes Lernen umfunktioniert. Autonome Tutorien sowie Lesekreise hatten im Turm einen Ort gefunden, um vom Unialltag abzuschalten und kritische Wissenschaft zu betreiben. Während des „Unimutstreiks“ 1988/‘89 wurden an vielen Hochschulen bundesweit Räume besetzt, in denen selbstorganisierte Cafes entstehen konnten. In Frankfurt wurde im Foyer des AfE-Turms das Turmcafe (Tuca) besetzt. Diese Besetzung wurde erst im Jahre 2002 vom damaligen Universitätspräsidenten Rudolf Steinberg beendet. Das Tuca kehrte dann 2006 in den fünften Stock des Turms zurück und sollten nach dem Umzug auf den I.G.-Farben-Campus verschwinden. TuKo und Tuca sind studentische Freiräume im klassischen Sinne, die allgemein als als Treffpunkt und Organisationsraum genutzt werden können und zudem einen Ort bieten, um sich abseits des Uni-Alltags Theorien anzueignen, die im Lehrplan für irrelevant erklärt werden. Die Turmbesetzungen sind dabei auch ein gutes Beispiel dafür, dass Besetzungen sich nicht außerhalb des Kapitalismus bewegen können. Zwar können andere Werte und Normen mit diesen Räumen verknüpft und in ihnen gelebt werden, sie sind aber gleichwohl der immer dynamischen Transformation des Kapitalismus ausgeliefert. Wird eine Besetzung am einen Tag noch als ein durch Studierendenproteste erzielter Erfolg gewertet, kann es passieren, dass bereits am nächsten Tag die Niederlage – die Räumung – eintritt, weil erkämpfte Freiräume nicht mehr in die herrschende Ideologie passen.

Institut für Vergleichende Irrelevanz

Auch das 2013 geräumte Institut für Vergleichende Irrelevanz (IVI) am Kettenhofweg wurde im Rahmen des Langzeitstudiengebührenprotests 2003 besetzt. Das IVI stellt einen Ort dar, in dem Raum und Zeit für kritisches Denken geboten werden soll, welches durch die Transformation der Goethe-Universität von der Massenuniversität der 1970er Jahre zur Eliteuniversität von heute zunehmend verdrängt wird und somit in den Augen der Aktivist_innen zu „irrelevantem“ Denken geworden ist. Zwar konnte die Besetzung des IVI Langzeitstudiengebühren nicht verhindern und dem „neoliberalen“ Umbau der Uni Frankfurt wenig entgegensetzen. Aber das IVI konnte für Studierende und andere soziale Gruppen ein Ort sein, in dem über Praxis und Theorie des Protests reflektiert werden konnte. Die Erkenntnisse aus dieser Reflexion sowie das praktische Beispiel der französischen Studierendenproteste um den CPE (Contrat Première Embauche, dt. „Vertrag zur Ersteinstellung“ im Jahre 2006 veranlassten die Studierenden, gegen die Einführung von allgemeinen Studiengebühren radikale Formen des Protests anzuwenden. So wurde bspw. der Freiraum Strasse für Blockaden genutzt, um auch die breite Öffentlichkeit zu erreichen. Dieser Druck führte dazu, dass die linke Mehrheit im hessischen Landtag 2008 Studiengebühren in allen Formen abschaffte. Trotzdem aber wurden die Wohn-, Lebens- und Lernverhältnisse in Frankfurt schlechter.

Casinobesetzung

Der Protest gegen diese Entwicklung äußerte sich 2009 in Form der sogenannten „Casinobesetzung“. Zum Sinn und Ziel dieser Besetzung am I.G.-Farben-Campus im Dezember 2009 schrieben die Aktivist_innen:

„Unter dem Motto 'Bildung braucht Raum und Zeit‘ wollen sich die Studierenden in den Räumen des Casinos sowohl über die inhaltliche Ausrichtung und politische Perspektive ihres Protests austauschen, als auch sich Zeit nehmen, für kritische Wissenschaft, die sonst im universitären Alltag keinen oder nur wenig Platz findet.“

Das Casino als Wahrzeichen der neoliberalen Transformation sollte symbolisch besetzt, zum Freiraum umfunktioniert und mit kritischen Inhalten gefüllt werden. Dass solche „radikalen“ Aneignungsformen nicht auf Gegenliebe des Universitätspräsidium stießen, war klar. Ebensowenig wurden die Verschönerungen der Fassade als solche wahrgenommen, sondern stattdessen zum Vandalismus erklärt – der Freiraum wird zwangsläufig kriminalisiert, wenn er nicht konform geht.

Zusammenfassung

Versuchen wir zusammenzufassen: Was ist ein Freiraum? Ein Freiraum soll ein Ort sein, an dem eine „ Alternative“ zur herrschenden Ideologie eröffnet werden soll, ganz gleich ob er als Ort für gemeinsames Lernen, für Reflexion oder zum feiern genutzt wird. Diskriminierungen jeglicher Art sollte es dort nicht geben. Wer diesen Konsens nicht achtet, muss den Freiraum verlassen. Dabei ist der Freiraum aber vor gesellschaftlichen Veränderungen und Problemen nicht geschützt; die gesellschaftliche Reproduktion des Kapitalismus überträgt sich auch in den Freiraum. Nicht jede_r Nutzer_in eines Freiraums entspricht der idealen Vorstellung: Sexismus, Homophobie, Rassismus, Antisemitismus und Mackertum findet man auch in Freiräumen. Auch die gesellschaftliche Ideologie der Kapitalisierung aller Bereiche, die Zwänge der Lohnarbeit, Leistungs- und Konkurrenzdruck machen keinen Halt vor Freiräumen. Zudem ist der Zugang zu solchen Freiräumen oft nur bestimmten Szenen, durch persönliche Bekanntschaften und das Einhalten spezifischer Codes möglich. Ob der Raum also wirklich „frei“ ist für Personen, die gerade erst anfangen, die Verhältnisse zu reflektieren, muss kritisch hinterfragt werden. Vielleicht würde es uns weiterhelfen, Räume und Häuser die besetzt sind, als eine soziale Infrastruktur zu sehen, die für alle Menschen zugänglich gemacht wird. Gerade das Konzept einer „sozialen Infrastruktur“, das von der Zeitschrift „Widersprüche“ vorgestellt wurde, verengt den Blick nicht nur auf besetzte Räume, sondern versucht einen Paradigmenwechsel vorzunehmen. Gesellschaftliche Reproduktionsinstitutionen sollen als soziale Infrastruktur verstanden werden und versucht werden, sich diese auf unterschiedliche Art anzueignen. Gerade die Lohnarbeit als ein wichtiger Lebensbereich muss zurückgedrängt werden und andere Arbeitsformen müssen entwickelt werden. Erst wenn es emanzipatorischen Organisationsformen gelingt, sich verschiedene alltägliche Lebensbereiche radikaldemokratisch anzueignen, kann der Bestand sogenannter Freiräume gesichert werden. Denn eines sollte für alle klar sein: Orte, an denen man Raum und Zeit hat zu reflektieren und über gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse nachzudenken, werden in Zeiten autoritärer Krisenlösungen und der Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche dringend gebraucht.

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