Ideenpapier zur Förderung kritischer Wissenschaften und dem Ausbau Kritischer Theorie an der Uni Frankfurt

Datum der Veröffentlichung:Mittwoch 15.4.2015

Die Kritische Theorie zählt zu einer der relevantesten und bekanntesten Strömungen der Geistes-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften. Weltweit wird Forschung im Anschluss an die ältere und neuere Frankfurter Schule betrieben. Gleichzeitig stellt deren kritisch-normative Ausrichtung ein Alleinstellungsmerkmal im quantitativ-empirischen Mainstream der Sozialwissenschaften dar. Kritische Theorie darf dabei jedoch nicht nur Teil einer geschickten Marketing-Strategie sein, soll sich nicht in der Umbenennung von Straßen und Plätzen erschöpfen, sondern muss gelebte Praxis in Lehre und Forschung werden.
Kritische Theorie richtet ihren Blick sowohl auf die gesellschaftliche Bedingtheit der Wissenschaft als auch auf deren gesellschaftliche Relevanz. Als solches ist die Kritische Theorie nicht nur eine von vielen Spielarten der Geistes-/Gesellschaftswissenschaften, sondern beinhaltet wertvolle Antworten auf wissenschaftstheoretische Fragen, die alle Disziplinen betreffen, insbesondere Antworten auf die Frage, welche Rolle Wissenschaft in der Gesellschaft spielt. Die Reflexion über eine gegenwartsorientierte Neuausrichtung der Kritischen Theorie könnte zu einem wichtigen Auftrag der Universität Frankfurt werden. 

I) Mehr Kritische Theorie in der Lehre

Das ohnehin beschränkte Angebot an Veranstaltungen zur Kritischen Theorie in den Curricula schwindet zunehmend. Gleichzeitig sind die Veranstaltungen zur KT am stärksten von Überfüllung betroffen. Laut einer Studierendenumfrage wählen viele Studierende Frankfurt als Studienort, weil sie sich dort ein intensives Studium der Kritischen Theorie erwarten.

II) Mehr Professuren für kritische Theorie

Um eine Erweiterung des Angebots an Kritischer Theorie in den Curricula gewährleisten zu können, sind zusätzliche Professuren notwendig. Dabei soll es sich um ordentliche Professuren handeln. Den Professuren sollen zusätzlich mindestens zwei Mitarbeiter*innenstellen und mindestens vier Hilfskraftstellen zugeordnet werden, damit die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses gewährleistet ist. Entsprechende Berufungskommissionen sollen paritätisch besetzt werden.

In diesem Zusammenhang sind studentische Initiativen der einzelnen Fachbereiche (wie der Arbeitskreis kritischer Jurist*innen des Fb01, die Kritischen Ökonomen des Fb02, der Ak kritische Psychologie des Fb05, die feministischen Philosph*innen des Fb08 und das Forum Humangeographie des Fb11) stärker zu fördern, die auch aktiv bei der Neueinrichtung genannter Professuren teilhaben sollen.

An den Fachbereichen werden unter Mitarbeit der kritischen Initiativen und Fachschaften bereits thematische Schwerpunkte gefordert wie eine kritische Ökonomik jenseits des neoklassischen Mainstreams am Fb02, die Verstetigung der Gastprofessur für Kritische Gesellschaftstheorie am Fb03 und eine interdisziplinäre Professur für kritische Kriminologie in gemeinsamer Zusammenarbeit der Fbe 01, 03, 04 und 08. Bei solchen fachbereichsinternen Initiativen hoffen wir auf die Unterstützung des Präsidiums wie zuletzt bei dem Vorhaben zur Einrichtung einer Holocaust-Professur am Historischen Institut des Fb08.
Ein besonderer Wert wird auf den intensiven Austausch zwischen diesen Professuren und den jeweiligen Fbs gelegt, insbesondere auf den Austausch zwischen den Geistes-/Gesellschaftswissenschaften und den Naturwissenschaften. Ein Schlüsselrolle könnte dabei ein einzurichtendes Zentrum für kritische Theorie darstellen (vgl. III).

III) Einrichtung eines transdisziplinären Zentrums für kritische Theorie

Das Projekt der Kritischen Theorie ist von Anfang an ein interdisziplinäres. Kritische Theorie richtet ihren Blick weniger auf Einzelphänomene, sondern vielmehr auf die jeweiligen Zusammenhänge als Teile einer gesellschaftlichen Totalität und ermöglicht damit eine wissenschaftlich fundierte Perspektive auf gesellschaftliche und kulturelle Phänomene, die zugleich einen normativen Anspruch einzulösen vermag.

Ein neu zu gründendes Zentrum für kritische Theorie könnte dabei eine entscheidende Schnittstelle zur transdisziplinären Zusammenarbeit bilden. Ähnlich der Strukturen in bereits bestehenden Institutionen wie dem Schreibzentrum oder dem Methodenzentrum, wäre ein solches Zentrum fachbereichsübergreifend. Darüber hinaus ist den Studierenden und insbesondere den Fachschaften ein besonderes Mitspracherecht einzuräumen.

IV) Stärkerer Anschluss an die Forschung des IfS

Das IfS betreibt weltweit beachtete Forschung. Denkbar wäre beispielsweise das Angebot von Lehrveranstaltung an der GU, die direkt an Forschungsprojekte des Instituts anschließen. Dies könnte zu einem besonderen Bestandteil der Förderung wissenschaftlichen Nachwuchses werden.

V) Uniweite feste Finanzierung der Autonomen Tutorien über alle FBs hinweg

Neben der festen Verankerung der Kritischen Theorie in den regulären Curricula, spielt insbesondere die Förderung und der Ausbau der selbstverwalteten, autonomen Lehre und Forschung eine wichtige Rolle. Ein Studium der Kritischen Theorie beinhaltet nicht nur die Aneignung bestimmter Inhalte, sondern bedarf darüber hinaus struktureller Bedingungen, die freies Denken ermöglichen und anregen. Der Bildungsbegriff Kritischer Theorie lässt Bildung als etwas zu Erfahrendes begreifen, das nicht als solches erworben werden kann. Gerade die Autonomen Tutorien ermöglichen einen solchen Erfahrungsraum: Es findet ein egalitärer und selbstorganisierter Austausch über einen bestimmten Gegenstand statt, der keiner von vornherein vorgegebenen Struktur folgt.

VI) Demokratisierung der Hochschulpolitik

In der Frankfurter Tradition hat sich Kritische Theorie nicht als praxisferne Kontemplation verstanden, sondern als der Versuch einer Verbindung von Theorie und Praxis und als Projekt einer Verankerung von Kritik in konkreten Lebensverhältnissen. Um diesem Anspruch zu genügen, ist es dringend geboten, in der Hochschulpolitik an der GU demokratische Strukturen zu schaffen, um allen Universitätsangehörigen zu ermöglichen, an den sie betreffenden politischen Entscheidungen aktiv teilzuhaben. Entsprechend darf die Gestaltung der universitären Bildung nicht länger von oben herab durch administrative Planung einer Zentralverwaltung erfolgen, sondern vielmehr als Ergebnis einer gemeinsamen politischen Entscheidungsfindung hervorgehen. Nur auf diese Weise werden die Studierenden wieder eine Vorstellung von ihrer Teilhabe an der universitären Praxis erlangen, in der sich diese nicht im Absolvieren des regulären Seminarbetriebs erschöpft, sondern in der sie politisch über das gemeinsame Zusammenleben mitentscheiden können. Horkheimer spricht einem solchen Zusammensein unter den Studierenden ein unvergleichliches Potential für die gesellschaftliche Entwicklung im Ganzen zu: Im gemeinsamen Engagement für ein allgemeines politisches Anliegen vermögen die Studierenden “im Kleinen das Wesen der Gesellschaft vor[zu]wegnehmen, wie sie einmal im Großen als die richtige Gesellschaft sich gestalten soll.”

VII) Mehr Freiräume

Freies Denken bedarf darüber hinaus der örtlichen Freiräume. Notwendig sind mehr studentisch selbstverwaltete Räume, wie beispielsweise ein feministisches Café und ein Ersatz für das verkaufte Institut für vergleichende Irrelevanz (IvI). Studierenden und studentischen Initiativen soll eine unbürokratische und einfache Möglichkeit gewährt werden, am Campus Räume für Lesekreise, Vortragsreihen o.ä. zu reservieren.

 

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