Sehr geehrter Prof. Dr. Neckel...

Datum der Veröffentlichung:Montag 4.3.2013

Sehr geehrter Prof. Dr. Neckel,

wir, die Mitglieder der Hochschulgruppe demokratische Linke Liste, haben mit großem Interesse und steigender Verwunderung Ihre Antwort auf den “offenen Brief” einiger studentischer Initiativen- und Vertretungen zur Kenntnis genommen und möchten dazu folgendermaßen Stellung beziehen:

  1. Sie beziehen sich auf ein Treffen, welches von den Dekanaten der Fachbereiche 03 & 04 vorgeschlagen wurde, um daran zu arbeiten, “wie man gemeinsam solche Zerstörungen künftig verhindert, damit der offene Charakter der Universität erhalten bleiben kann”. Zunächst halten wir es für irritierend, der Goethe Universität einen offenen Charakter zu konstatieren, prägen doch gerade am IG-Farben Campus Zäune, Mauern, Überwachungskameras und mit Sicherheitspersonal besetzte Pforten das Bild. Die Ausgrenzungsmechanismen, die eine studentische Exklusivität inklusive suggeriertem Elitarismus etablieren, lassen sich von nicht vorhandener Barrierefreiheit, temporär zugangsbeschränkten Bibliotheken1, zugangsbeschränkten Seminaren, deren Platzvergabe mit eingeforderten Motivationsschreiben zum kommenden Semester eine neue Stufe der Absurdität erreicht hat, über die “Intimität”2 vermittelnde Architektur, die mit “herrschaftlich” wohl besser beschrieben wäre, beliebig fortsetzen. Initiativen, wie die TuCa-Initiative, die es geschafft hat, einen offenen, selbstverwalteten Raum auf dem Campus Bockenheim zu etablieren, sind zwar tatsächlich die richtigen Ansprechpartnerinnen, wenn auch auf dem IG-Farben Campus eine Offenheit “erhalten” werden soll, jedoch nicht um durch diese Form der Pseudo-Mitsprache das Ende bestehender Projekte zu legitimieren, sondern tatsächlich an deren Erhalt zu arbeiten – wovon bisher nichts zu beobachten war.

  2. Wir sind darüber schockiert, dass in Ihren Anmerkungen keine inhaltliche Distanzierung von den Vergleichen zwischen dem Anrichten von Sachschaden am 02.02.13 und der Tötung und Misshandlung tausender Menschen in den Novemberprogromen vorgenommen wird, sondern lediglich die Integrität der Dekanin Barbara Friebertshäuser gewahrt werden soll, die die Vorwürfe ja “auf derselben Sitzung zurückgenommen hat” – obwohl es darum nie jemandem ging. 

  3. Sie lassen verlauten, dass Sie alle „angemessenen Mittel“ gegen Handlungen mit „barbarischem Charakter“ einzusetzen gedenken. Mit diesem Grundsatz einen repressiven Umgang mit dem TuCa zu rechtfertigen, ist absurd. Erstens hat sich das TuCa von den Sachbeschädigungen distanziert und diese scharf verurteilt und zweitens hat das (studentisch) selbstverwaltete TuCa den Anspruch, einen herrschaftsfreien Raum zu schaffen und sich radikaldemokratisch zu organisieren; das hat unserem Verständnis nach nichts mit „Barbarei“ zu tun. Es ist abwegig, Vorfälle, die weder im Namen noch im Sinne des TuCas sind, vorzuschieben, um ein Fortbestehen dieser Institution zu unterbinden.

  4. Wir würden uns freuen, wenn es im nächsten Semester eine Veranstaltung zur Dialektik der Aufklärung gäbe, da wir der Ansicht sind, dass besonders die ältere kritische Theorie in den Lehrplänen viel zu wenig präsent ist. Darüber hinaus sollte an dieser Uni ein Klima geschaffen (oder erhalten) werden, in dem kritische Theoriebildung (noch) möglich ist. Das betrifft die Lehrpläne und die (un)demokratische Gestaltung von Campus und Verwaltung der Universität. Wir sehen Sie, als Dekan, in der Verantwortung, Ihren Teil zur Schaffung dieses Umfeldes beizutragen. Wir, die Mitglieder der Hochschulgruppe demokratische Linke Liste, distanzieren uns ebenfalls von den Sachbeschädigungen im Turm, insbesondere am PC-Poolraum, da wir diesen als Einrichtung für Menschen, die nicht jederzeit über einen Laptop verfügen können, für eine unantastbare Einrichtung halten. Wir solidarisieren uns mit dem TuCa, dem Frauencafe und allen anderen Einrichtungen in studentischer Selbstverwaltung.

Mit freundlichen Grüßen,

demokratische Linke Liste Uni Frankfurt

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