PM: AStA kritisiert Geschichtsvergessenheit des Präsidenten

Datum der Veröffentlichung:Montag 12.5.2014
 
Nachdem am 18. März 2014 der Ortsbeirat 2 den langjährigen Bestrebungen der Studierenden am IG Farben Campus nachkam und die Umbenennung des Grüneburgplatzes in Norbert-Wollheim-Platz beschloss, hat sich der Universitätspräsident Werner Müller-Esterl nun im Alleingang gegen die Namensänderung ausgesprochen. 
Norbert Wollheim überlebte die Zwangsarbeit in dem von der IG Farben geführten Konzentrationslager Buna-Monowitz (Auschwitz III) und erwirkte mit seiner Klage gegen den Konzern 1950 die erste gerichtliche Schadensersatz- und Schmerzensgeldforderung an Zwangsarbeiter*innen deutscher Industrieunternehmen. Die Umbenennung des Grüneburgplatzes und damit der Anschrift der Universität sollte der Erinnerung an die Verbrechen der IG Farben Rechnung tragen. Obwohl der Senat zunächst die Entscheidung des Stadtteilgremiums „wohlwollend zur Kenntnis“ nahm und weiterhin eine Umbenennung der Lübecker Straße in Adorno-Straße und des Bremer-Platzes in Horkheimer-Platz forderte, könne die Universität, so der noch amtierende Präsident in einem Brief vom 7. April, „einen einseitigen Entschluss des Ortsbeirates nicht akzeptieren“. Mit dieser Verzögerungstaktik stellt sich Müller-Esterl abermals in die Tradition einer nunmehr 10 Jahre bestehenden Koalition aus CDU, FDP, Stadtverwaltung und dem ehemaligen Uni-Präsidenten Rudolf Steinberg, der die Wahrung der Uni-Adresse wichtiger ist, als die Erinnerung an die maßgebliche Beteiligung der IG Farben am Holocaust. 
Müller-Esterl begründet seinen Versuch, das Engagement der Studierenden und des Ortsbeirats zu unterminieren, damit, es handle sich beim Grüneburgplatz um einen „kulturhistorisch für Frankfurt besonderen Ort“, da sich dort – wie die FR referiert – „einst die Romantiker trafen“. Statt dem Grüneburgplatz solle nun die Lübeckerstraße in Wollheim-Straße und der Bremer-Platz wahlweise in Horkheimer- oder Adorno-Platz umbenannt werden.
Der Umgang des Präsidiums mit der Geschichte des IG Farben Campus und der Universität zwischen 1933 und 1945 ist seit jeher von Verdrängung charakterisiert. Ob es sich nun um die mangelnde architektonische Abgrenzung der Neubauten auf dem Campus zum IG Farben Hochhaus, die Entscheidung die Gedenktafel vor der Uni gegen den ausdrücklichen Wunsch KZ-Überlebender liegend anzubringen oder die Selbstdarstellung anlässlich der 100-Jahrfeier handelt, stets ist die Universitätsleitung darum bemüht, dem Erinnern an die Verstrickung der Universität mit dem Faschismus in Deutschland Einhalt zu gebieten.
Der AStA der Universität Frankfurt kritisiert das Verhalten des Präsidenten massiv, welches durch keinen Senatsbeschluss gedeckt ist, und fordert eine sofortige Umbenennung im Sinne des Ortsbeirates.
 
Doch nicht alle stellen sich gegen die Aufarbeitung der Uni-Geschichte: In Zusammenarbeit mit dem AStA hat der Leiter der Forschungsstelle NS-Pädagogik der Goethe-Uni, apl. Prof. Dr. Benjamin Ortmeyer, unter dem Titel „Jenseits des Hippokratischen Eids“ ein Buch herausgebracht, das sich mit SS-Arzt Josef Mengele und seiner Zeit an der Goethe-Universität beschäftigt. 
Zudem findet heute Abend an der Goethe-Uni eine Veranstaltung der Forschungsstelle NS-Pädagogik statt. Unter dem Titel „Erziehung als Zucht: Prof. Ernst Krieck – Rektor der Goethe-Universität 1933“ und der Leitung von apl. Prof. Dr. Benjamin Ortmeyer wird es um Prof. Ernst Krieck gehen, der als führender NS-Ideologe und Pädagoge 1933 nicht zufällig Rektor der Goethe-Universität wurde. Er steht für die Bücherverbrennung am 10. Mai auf dem Frankfurter Römer und für die „Säuberungsaktionen“ an der Goethe-Universität seit 1933. Zu dieser Veranstaltung laden wir herzlich ein: Montag, 12. Mai 2014, 18.00, Casino Raum 1.801, Grüneburgweg 1, 60323 Frankfurt am Main. 
 

 

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