Offener Brief an das Präsidium und die Dekanate der Fachbereiche 03 und 04

Datum der Veröffentlichung:Mittwoch 20.2.2013

 

Offener Brief an das Präsidium und die Dekanate der Fachbereiche 03 und 04
der Goethe Universität Frankfurt am Main:
 
Sehr geehrte Damen und Herren,
 
Vertreter_innen des TuCa (Turmcafé), des Frauenrats, der Fachschaften und des AStA besuchen seit
ca. 2 Monaten das wöchentliche, offizielle Umzugs-Jour-Fixe"(1) zur Klärung der Raumvergabe im
Rahmen des Umzugs an den IG-Farben-Campus.
In den letzten Verhandlungswochen des Umzugs-Jour-Fixe kam es zu Vorwürfen den anwesenden
Studierenden und studentischen Vertreter_innen gegenüber, Mitarbeiter_innen und Angestellte der
Universität würden bedroht oder gar angegriffen. Zudem gab es Anmerkungen zu den
Sachbeschädigungen vom 02.02. 2013, sowie zu den als bedrohlich empfundenen Graffitis im, bzw.
am AfE-Turm. In diesem Rahmen wurde u.a. zu Vorfällen wie der Reichspogromnacht (O-Ton:
"Reichskristallnacht") Bezug genommen.
 
Die konkreten Vorfälle wurden nicht benannt, aber im weitesten, sowie auch im konkreten Sinne
den anwesenden studentischen Vertreter_innen und den Studierenden der Fachbereiche 03, 04 und
05 vorgeworfen und ihnen die Verantwortung dafür zugeteilt.
Am 06. Februar 2013 kam es zu folgender öffentlicher Äußerung von Frau Univ.-Prof'in Dr.
Friebertshäuser im Rahmen der Jour-Fixe-Sitzung:
Sie beanstandete von einer Fachschaftsparty unter dem Motto "Abrissparty" erfahren zu haben,
welche an diesem Abend [im Café KoZ] stattgefunden habe. Sie kritisierte, wie dieses Motto
gewählt werden konnte, da bekannt sei, dass "[...] auf Worte Taten folgen [...]", wie bereits die
geschichtlichen Ereignisse der "Reichskristallnacht" [sic!] gezeigt haben. Hierbei bezog sich
Frau Univ.-Prof'in Dr. Friebertshäuser auf die Geschehnisse am Abend einer internen Feier im AfETurm,
an dem das Gebäude und die Infrastruktur, von party-unabhängigen Personen, beschädigt
wurden. (s. Stellungnahme des TuCas, die in der Jour Fixe vom 06. Februar 2013 vorgelegt wurde).
Wir sind entsetzt über diese Assoziationen mit der Reichspogromnacht, die auch noch, von der
Dekanin des Fachbereichs Erziehungswissenschaften, mit dem politisch äußerst fragwürdigen
Begriff „Reichskristallnacht“ bezeichnet wurde.
 
Am 13. Februar 2013 äußerte sich auch Herr Prof. Dr. Sighard Neckel zu den Vorfällen eben dieses
Abends, sowie zu Graffitis im AfE-Turm.
Dabei bezog er sich unter anderem auf ein Graffiti, in welchem vom "Plattmachen des Westends"
die Rede sein soll, sowie auf nicht näher beschriebene Graffitis, welche Einzelpersonen enorm
bedrohen würden. Aufrufe dieser Art, sowie Beschädigungen wie jene vom 02.02.2013 erzeugten in
ihm, laut eigener Aussage, Bilder von "[...] marodierende Männerhorden[...]" einer "[...]
bestimmten historischen Zeit [...]", welche durch den Turm liefen.
Er empfahl den Studierenden und studentischen Vertreter_innen die Lektüre von Adornos Dialektik
der Aufklärung, insbesondere des Abschnitts "Elemente des Antisemitismus", sowie Adornos
Ausführungen zum Autoritären Charakter. Später räumte er ein, er glaubte zwar nicht, dass die
Studierendenvertreter_innen den Turm beschädigt hätten, er sähe sie aber durchaus ˗ durch ihren
Umgang mit dem Umzug, sowie seine Erfahrungen mit den Reden der Turm Vollversammlung ˗ in
der Verantwortung für die Vorfälle, sowie für die zukünftige Prävention.
Aus unserer Sicht zeugen die getätigten Vergleiche von einem Geschichtsrevisionismus und einer
Geschichtsvergessenheit, die wir in unserer Universitätsleitung und Dekanaten nicht akzeptieren
können.
 
Wir fordern Sie auf, wissenschaftlich und politisch Stellung zu nehmen:
 
Wo ist der Zusammenhang zwischen den Geschehnissen im Turm in der Nacht zum 2.
Februar 2013 und den Pogromen an der jüdischen Bevölkerung 1938? Was haben
Sachbeschädigungen im AfE-Turm mit den Morden, den Zerstörungen und den daran
anschließender Deportation (der Reichspogromnacht) zu tun?
Inwiefern hängt Ihrer Annahme nach der Nationalsozialismus mit den, von Ihnen diffus
benannten, Vorfällen zusammen? Inwiefern sind die von Ihnen genannten Vorfälle
antisemitisch?
 
Wir fordern eine schriftliche Stellungnahme zu den getätigten Aussagen und unseren Nachfragen
und verbleiben mit freundlichen Grüßen,
- das TuCa (Turmcafé)
- Fachschaft 03
- Fachschaft 04
- AK kritische Psychologie
- Mitglied des Fachbereichsrat 03: Jörg Meierotte
- Referent für Studienbedingungen, AStA Uni-Frankfurt: Max Rudel
 
(1) Beteiligt am „Jour Fixe“ sind Frau Prof.'in Dr. Tanja Brühl: Vizepräsidentin der Goethe-Universität, der Dekan des
Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften: Herr Prof. Dr. Sighard Neckel, die Dekanin des Fachbereichs
Erziehungswissenschaften: Frau Univ.-Prof.'in Dr. Friebertshäuser, Dr. Albrecht Fester: Bevollmächtigter für die
sog. Standortneuordnung des Campus, sowie Vertreter_innen des Dekanats Psychologie und Sportwissenschaften,
des Dekanats Geowissenschaften/Geographie und verschiedene weitere Interessenvertretungen von Gruppen aus
dem Turm.

 

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