Offener Brief der Kritischen Ökonomen bezüglich der inhaltlichen Umstrukturierung des Bachelor- Kurses „Einführung in die Volkswirtschaftslehre“

Datum der Veröffentlichung:Mittwoch 5.2.2014

Die gegenwärtige Tendenz, kritische Inhalte und Auseinandersetzungen aus dem Studium der Wirtschaftswissenschaften zu verbannen, darf keinen neuen Höhepunkt erreichen!

Die Kritischen Ökonomen an der Universität Frankfurt bedauern mit diesem offenen Brief ausdrücklich, dass der volkswirtschaftliche Einführungskurs im Bachelor Studiengang Wirtschaftswissenschaften ab dem kommenden Semester weniger Raum für pluralistische und theoriengeschichtliche Inhalte bieten wird. 

Der bisherige Inhalt der Vorlesung, die in der Vergangenheit zumeist von Herrn Prof. Schefold durchgeführt wurde, war bestimmt durch eine historische Heranführung an moderne Wirtschaftssysteme und einer Vorstellung verschiedenster volkswirtschaftlicher Theorien, denen andere Betrachtungsweisen gegenüber der gegenwärtig vorherrschenden neoklassischen Lehrmeinung zugrunde liegen. Herr Prof. Schefold konnte anhand historischer Bezüge deutlich machen, dass die Neoklassik eine ökonomische Denkschule darstellt, die sich aus einem bestimmten historischen Kontext heraus in Abgrenzung zur ökonomischen Klassik entwickeln konnte. Weiterhin ließ sich in der Vorlesung zeigen, dass die Neoklassik gegenwärtig jedoch nur eine von vielen Denkrichtung bzw. Strömung innerhalb der Volkswirtschaftslehre darstellt, auch wenn der neoklassische Mainstream seit einigen Jahrzehnten im ökonomischen Wissenschaftsbetrieb dominant ist. Folglich wurde durch die Vorlesung dem Eindruck entgegengewirkt, die Neoklassik sei die einzig korrekte und existierende Herangehensweise zur Analyse der Ökonomie. Die Studierenden lernen durch die Teilnahme an der Veranstaltung, dass die Volkswirtschaftslehre als eine Gesellschaftswissenschaft, anders als in den Naturwissenschaften, keine allgemeingültigen Aussagen treffen kann. Vielmehr wird durch eine Kontextualisierung der ökonomischen Denkschulen in der VWL ein sozialwissenschaftlicher Rahmen gegeben.

Wir als Kritische Ökonomen befürchten nun, dass der Kurs zukünftig seinen Schwerpunkt auf die Vermittlung neoklassisch statischer Modelle legen wird, wie sie in dem Lehrbuch "Grundzüge der Volkswirtschaftslehre" von Gregory Mankiw enthalten sind. Jedoch würde diese Simplifizierung zu einer Ausblendung des historischen und gesellschaftlichen Kontextes der ökonomischen Wissenschaft sowie anderer (heterodoxer) Theorieansätze führen. Für uns stellt diese Reorientierung eine alarmierenden Entwicklung dar, da den Studierenden somit die Chance genommen wird, die VWL in ihrem Facettenreichtum kennenzulernen. Den Studierenden würde infolgedessen implizit suggeriert, die neoklassische Theorie sei die einzig existente Herangehensweise der Ökonomik. Wir Kritische Ökonomen weisen mit Nachdruck darauf hin, dass die Vermittlung pluralistischer, historisch kontextualisierter Theorieansätze ein integraler Bestandteil in der (Aus-)Bildung angehender Wirtschaftswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sein muss, um die ökonomische Wissenschaft wieder näher an die Gesellschaft und tatsächliche wirtschaftliche Problemstellungen heranzuführen. Insbesondere die Finanzkrise hat der Gesellschaft offenbart, dass der Wahrheitsanspruch ökonomischer Modelle relativiert werden muss.

Insbesondere die Erfahrungen aus der Finanzkrise zeigen, dass die aktuellen ökonomische Theorien in Teilen wenig hilfreich waren, diese Krise vorherzusehen und auch keine ausreichenden Antworten geben, wie die Folgen der Krise überwunden werden können. Daher erscheint es von besonderer Bedeutung, dass auch die ökonomischen Ansätze von Schumpeter, Keynes und Minsky einen Platz in dieser Einführungsveranstaltung erhalten. Dadurch wird gewährleistet, dass die Studierenden nicht nur ökonomische Modelle kennen lernen, die als Annahme von effizienten Märkten ausgehen. Um eine bessere Einschätzung des gegenwärtigen Wirtschaftssystems zu erhalten, halten wir es für wünschenswert, wenn den Studierenden auch die Grundzüge der modernen Wirtschaftsgeschichte von dem Beginn der ökonomischen Klassik im 18. Jahrhundert bis hin zur Great Depression der 1920er Jahre vermittelt werden. Als Ergänzung dazu erscheint uns eine dogmengeschichtliche Einführung in die ökonomische Periode des Merkantilismus und der Klassik von Smith, Marx und Ricardo eine notwendige Voraussetzung, um das moderne kapitalistische Wirtschaftssystem verstehen zu können.

In den Augen der Kritischen Ökonomen muss es Ziel der Volkswirtschaftslehre sein, ihre Analysefähigkeit zu verbessern. Hierzu bedarf es in Zukunft einer Debatte um die vielversprechendsten Forschungsansätze, die mit dazu beitragen soll, dass das gesellschaftliche Vertrauen in die Volkswirtschaftslehre wieder zunimmt. Daher fordern wir für den Bachelor-Studiengang Wirtschaftswissenschaften ausreichend Lehrangebote, die wirtschaftstheoretische Inhalte und Methodenpluralismus zum Gegenstand haben, welches nicht nur im Grundstudium sondern auch ihm Spezialisierungsstudium umgesetzt werden sollte. Hierbei sehen wir die Einführung des Pflichtkurses "Normative and Historical Foundations" of Economics im Graduiertenstudium als positives Beispiel an dem wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereich der Frankfurter Universität. In unseren Augen sollte dieses Kursangebot auch auf die Bachelor- und Masterstudiengänge übertragen werden.

Zur Entwicklung des Kursinhaltes der Vorlesung „Einführung in die VWL“ sollte vorschlagsweise eine Kommission aus Vertretern des Fachbereichs und der Studierenden gebildet werden, die den Lehrrahmen absteckt, sodass dies dem Anspruch eines differenzierten Kursaufbaus gerecht wird. Abschließend möchte wir als Kritische Ökonomen darauf hinweisen, dass bereits von dem Studierendenparlament - als Vertretungsorgan für die gesamten Studierendenschaft an der Goethe Universität Frankfurt - ein offener Brief des Netzwerks Plurale Ökonomik, der mehr Methodenvielfalt in der VWL fordert, unterstützt wird. Im Kontext der Debatte über die Ausrichtung des Kurses Einführung in die Volkswirtschaftslehre möchten wir daher die Forderung des ratifizierten Briefes erneut aufgreifen und für eine Beibehaltung der bisherigen inhaltlichen Schwerpunktsetzung eintreten. Dieser Offene Brief und seine inhaltlichen Forderungen werden durch den Allgemeinen Studierendenausschuss der Goethe Universität Frankfurt unterstützt.

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