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Call: Universität und Revolution

Datum der Veröffentlichung:Montag 2.10.2017

Universität und Revolution

1867, 1917, 1967 - Im Jahr 2017 jähren sich Ereignisse, die ohne einander nicht zu denken sind und die auf je unterschiedliche Weise das Verhältnis von Universität und Revolution zu bestimmen erlauben. 1867 erscheint Karl Marx´ "Das Kapital" - eine wissenschaftliche Revolution, ganz ohne institutionell-universitäre Einbindung; 1917 ist das Jahr der Russischen Revolution, mit ihr Verbunden das Versprechen der Emanzipation der Menschheit; 1967 markiert einen neuen Aufbruch, den der Neuen Linken, der ganz wesentlich von den Universitäten in Berkeley, Paris, Berlin und nicht zuletzt auch von Frankfurt ausging.

Für die kommende Ausgabe der AStA-Zeitung stellen wir euch also die Frage: Was sagen uns diese Ereignisse heute noch? Und vor allem was verraten sie uns über das Verhältnis von Revolution und Universität, Wissenschaft und Politik?

Wir freuen uns über Beiträge zu folgenden und ähnlichen Fragen:

Beginn einer Revolution an den Universitäten?

2. Juni 1967: Während einer studentischen Demonstration gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien Reza Pahlewi wird Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Sein Tod gilt bis heute für viele als Startschuss einer studentischen Protestbewegung und tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen im Nachkriegsdeutschland der 60er-Jahre. Auch wenn die Ursachen dieser Entwicklung nicht alleine an einem Ereignis festgemacht werden können, war es doch vor allem eine gesellschaftliche Gruppe, die sich organisierte und protestierte: Studierende.
Doch woher kam der Unmut der Studierende auf die Universitäten und die Forderungen nach einem allgemeinpolitischen Mandat der Studierendenschaft und akademischer Selbstverwaltung? Welche Zusammenhänge gibt es zwischen diesen Forderungen und der 68er Proteste, die nicht nur eine Änderung der Hochschule forderte? Welche Rolle spielte Gewalt in den studentischen Protesten und Aufbruch der 68er?
Welche Bedeutung hatten feministische Forderungen in den Protesten? Wodurch entfesselte sich eine radikale Kritik an patriarchalen Geschlechterverhältnissen in der bestehenden Gesellschaft, aber nicht zuletzt auch in den eigenen Reihen?
Vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs erlangte die 68er Bewegung einen internationalen Charakter. Sie war nicht nur eine Studierendenbewegung, sondern auch eine Friedensbewegung, antikoloniale Befreiungsbewegung, Frauenbewegung und Ökologiebewegung. Fast gleichzeitig entstanden in vielen westlichen Ländern zu der Zeit Proteste, die von studentischen Gruppen oder Arbeiter*innen ausgingen. Wie bedingten sich diese Proteste? Was war der Zusammenhang zwischen den einzelnen Protesten, haben sie sich nacheinander und gegenseitig beeinflusst (Domino-Effekt) oder sind sie relativ unabhängig voneinander entstanden? Richteten sich die Proteste in jedem Land gegen ähnliche gesellschaftliche Probleme? Wie waren sie untereinander vernetzt? Wie haben sich Kämpfe an der Uni und in Betrieben beeinflusst, gab es gemeinsame Forderungen?
Schließlich lässt sich die Frage nach der Rolle der Universitäten und Wissenschaft in diesem Aufbruch stellen: Welche Rolle spielte kritische Wissenschaft? Wie lässt sich heute der Dissens verstehen, der zwischen den berühmten Vertretern der Kritischen Theorie diesseits und jenseits des Atlantiks
einstellte: Wieso verstand Herbert Marcuse Studierende als potenzielle revolutionäre Subjekte, während Max Horkheimer und Theodor W. Adorno eine studentische Besetzung des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt von der Polizei räumen lies?
last but not least: Welche Bedeutung wird dieser "Revolution" im Rückblick zugesprochen: War sie ein Schritt in Richtung Emanzipation oder entfesselte sie - wenn auch ungewollt - eine neue kapitalistische Subjektivität?

 

von 1917 zu 1867- Das Versprechen der Emanzipation

Nicht nur das Emanzipationsversprechen verbindet die 68er Bewegung mit dem Jahr 1917: Es stellt sich daher die Frage, ob die Ereignisse von 1967/68 ohne das Jahr 1917, den Beginn der Russischen Revolution, und ohne ihr Scheitern verstanden werden können. Doch worin bestand das Emanzipationsversprechen? Und worin besteht ihr Scheitern? Warum faszinierte die Revolution so viele Intellektuelle und Künstler*innen, sodass Russland für kurze Zeit nicht nur zu einem Zentrum künstlerischer Avantgarde, sondern auch experimenteller Lebensformen wird? Welche Rolle spielten Studierende und Intellektuelle in der Russischen Revolution und im leninistischen Revolutionskonzept? Lässt sich die Russische Revolution als die Vollendung der Aufklärung verstehen, als die Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit für alle? Oder zeigt sich nicht viel mehr im Scheitern der Revolution ein problematischer Wahrheitsanspruch? Welche Rolle spielte die Einführung des allgemeinen aktiven wie passiven Wahlrechts für Frauen in Russland 1917 für die Emanzipation der Frauen weltweit?
Im Jubiläumswahn blicken wir jetzt noch einmal 50 Jahre zurück in das Jahr 1867: Da erscheint der erste Band des Kapitals - er ist eine wissenschaftliche Sensation und zugleich eine radikale Wissenschaftskritik. Verfasst in der British Library, arbeitete Karl Marx fernab des damaligen akademischen Betriebes. Was er zutage brachte, sollte ihm auch keine wissenschaftliche Reputation bringen, sondern die Welt verändern: Zu ihrer Emanzipation beitragen. Zeigt sich daran, dass die Universität gar nicht der richtige Ort für revolutionäre Gedanken ist? Wie müsste ein solcher Ort stattdessen aussehen?

 

2017 – Bologna-Reform, Exzellenzstrategie oder ein neuer Aufbruch?

Wie steht es heute, im Jahr 2017, um das Verhältnis von Revolution und Universität? Bietet die Universität heute noch Raum für Revolutionen und emanzipatorische gesellschaftliche Veränderungen? Lassen sich nach Bologna-Reform und der staatlich verordneten Jagd um Exzellenz die gesellschaftlichen Veränderungen, die um und an der Universität stattfinden nicht vielmehr als Gegenrevolution verstehen? Wie können wir, als Studierende, uns die Universität wieder aneignen? Welche Bedeutung haben Freiräume an der Uni für ein kritisches Studium und für die Entwicklungen von progressiven Forderungen? Ist die Bereitschaft dafür da, den Status quo zu verändern oder nimmt die Universität heute mehr die Rolle des Karrieresprungbretts ein, ohne das Bedürfnis nach Veränderung zu wecken? Was ist aus den Hörsaalbesetzungen 2009 und Autobahnblockaden 2006 gegen Studiengebühren geworden? Warum ist das Interesse für die erneute Einführung von verschiedenen Formen von Studiengebühren heute so gering? Was müsste passieren, damit in Frankfurt wieder "französische Verhältnisse" einkehren?
Nachdem unter anderem mit Trump in den USA und Erdogan in der Türkei rechte Regierungen ins Amt gekommen sind regt sich in Teilen der Wissenschaft aber auch wieder ein kritischer oder zumindest politischer Geist. Brauchte es erst eine rechte Bewegung für eine erneute Politisierung der
Universitäten? Geht diese Politisierung heute eher von den Lehrenden und Forschenden als von den Studierenden aus? Ist sie eine reine Reaktion auf einer zunehmend autoritärer werdenden Politik oder liegt darin auch ein emanzipatorischer Anspruch?
Die Bedingungen für eine internationale Vernetzung von Studierenden haben sich verändert. Durch Erasmus, Facebook und Billigflüge haben sich Möglichkeiten aufgetan, die '68 noch nicht da gewesen sind, aber gibt es heute eine vergleichbare internationale Dynamik wie es '68 der Fall war?

 

Wir blicken mit Spannung auf die Zukunft und eure Beiträge zum Thema: "Universität und Revolution". Schickt eure Texte (max. 8.000 Zeichen; Word- oder Open-Office-Format) oder Bilder bitte bis zum 15. November 2017 an: zeitung [at] asta-frankfurt [dot] de
Wir freuen uns auch über aktuelle Beiträge jenseits des Themenschwerpunkts. Wenn ihr Fragen hierzu habt, dann schreibt uns einfach an.
Eure AStA-Zeitungsredaktion

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